Selbstorganisation




Chaos & Selbstorganisation
Jede Ordnung ist Teil einer höheren Ordnung, des Chaos. Chaos ist das Grundprinzip, welches im Atom und allen höheren Ordnungen bis zu Gesellschaften und dem Kosmos wirkt.
Chaos vom griech. cheinein = gähnen. In der griechischen Mythologie der unermessliche Weltenraum am Anfang der Welt, Urgrund allen Seins und der ungeordnete Urzustand der Welt. Die gähnende Leere ist also alles andere als leer.
Den Griechen nach entstand alles aus der Vermengung des Chaos mit dem Aether, den zwei Grundprinzipen, hier das ungeordnete, wilde Material (Quanten), dort der reine, ordnende Geist, der Aether (Quantenvakuum).
Geist & Materie.
Die Wurzeln der europäischen Kultur legen uns diese Verbundenheit also in die Wiege. Ziel war es, Ordnung zu schaffen und Chaos zu Kosmos zu machen — durch den Geist.
Dieses Prinzip ist jedoch leicht misszuverstehen als Dualismus, dass nämlich Chaos und der geordnete Kosmos zwei sich gegenüberstehende Prinzipien darstellen. Chaos und Kosmos bedingen sich jedoch. Nichts kann ohne das andere sein oder gedacht werden. Kein Nordpol ohne Südpol. Kein Plus ohne Minus. Chaos ist das Grundprinzip des Universums und unterscheidet sich nur durch das Hinzutreten von Geist.
Als Wortstamm ist Chaos geläufig, doch wir betrachten alles einzeln und getrennt, und so wird Chaos als der Ordnung entgegenstehend betrachtet. Der Kosmos geht nicht nur aus Chaos hervor, es ist seine ungeordnete Materialität.
Chaos und Ordnung sind eine untrennbare Einheit.
Auch im Chaos findet sich Ordnung — also sich wiederholende, lineare Verläufe. Die reine Ordnung ist jedoch der Idealzustand, auf den unsere Kultur ausgerichtet ist. Für mich begründen sich die selbstzerstörerischen Elemente unserer Kultur u.a. aus diesem Umstand. Ideale sich als Orientierung zu suchen ist destruktiv. Das Ziel der reinen Ordnung kommt im chaotischen Prozess zwar vor, ist aber der Moment des Zusammenbruch des Systems. Solche Ideale lassen jeden natürlichen (dauerhaft funktionierenden) Zustand des Systems kollabieren.



Das Ideal und Ziel der heutigen Kultur ist letztlich der Zusammenbruch (Abbildung eines idealtypischen chaotischen Prozesses).
Das Ideal ist Produkt eines trennenden Dualismus, von dem unsere Kultur heute selbstverständlich ausgeht und das eher die Maschine zum Götzen hat als den Menschen und alle natürlichen Systeme. Die mechanistische Weltsicht reduziert auch den Menschen zu einer energiefressenden Maschine, dessen Motor das Herz und dessen Geist nur Beobachter einer feststehenden Welt ist.
Chaos und Ordnung sind nur zwei Erscheinungsformen einer Organisationsform von dynamischen Prozessen, deren Kennzeichen es ist, dass Ursache und Wirkung eine strukturelle Einheit bilden, also auch die Wirkung auf die Ursache wirkt.
Man spricht dabei von Selbstorganisation, eine besondere Form von nichtlinearen Verläufen. Determiniert, aber in Resonanz. Selbstorganisation entsteht, wenn Chaos auf Synchronizität, einer zeitlich sinnvollen Zusammenballung einer Reihe von Zufällen, trifft. Ungemein nützlich für die Schaffung und Erhaltung von Materie und Leben.
Man findet Selbstorganisation in den Formen aller Pflanzen, in Gesteinsformationen, der Populationsentwicklung, ebenso wie in gesellschaftlichen Prozessen, in Wolken, Wetter, Straßenverkehr, Feuer, im Meer, Herzschlag und Gehirnströmen, bei der Entwicklung von Gasen und Flüssigkeiten, in Schneeflocken — bis zu den Molekülen und Atomen. Chaos entspricht dem hebräischen ›Tohu wabohu‹ und dem germanischen ›Ginnungagap‹.
Es ist ein Grundprinzip; doch wir können auch mit den leistungsfähigsten Computern das Wetter nur ein paar Tage voraussagen. Dies heißt schlicht: Wir können die Folgen unseres Tuns überhaupt nicht abschätzen. Deshalb wäre es besonders wichtig, das erkannte Bild der Welt, die das Selbst in real existierende Zusammenhänge setzt, in die gesellschaftliche Weltsicht stärker einzubringen und kulturell umzusetzen.
Form und Materie sind gerade keine herkömmliche Ordnung, sondern speisen sich aus der Unordnung. Chaos ist gerade keine blinde Entwicklung, sondern weist ungeheure Synchronizität auf, die zu sinnvollen (= lebensstiftenden) Entwicklungen führt.
Es ist keine form- oder zweckgebende Kausalität in der Selbstorganisation zu finden, außer das Leben an sich überhaupt zu ermöglichen. Die viel zitierte Kreativität der Natur.



Die Selbstorganisation folgt, trotz aller Brüche, bestimmten harmonikalen Strukturen, die sich in der Mathematik (Fibonacci) und der Natur gleichermaßen abbilden (z.B. Fingerknochen).
Die zentrale These des Nobelpreisträgers Ilya Prigogine (Chemie) ist, dass die traditionell zugrunde gelegten Naturgesetze zu eng gefasst sind und somit die Vielschichtigkeit und Sprunghaftigkeit der Natur ebenso vernachlässigt wird wie der Faktor Zeit (in der Zeit löst sich selbst Granit auf).
Jedes System unseres Weltbildes benötigt auf der anderen Seite eine feste Ordnung, um sich zu legitimieren. Unser altes Weltbild ist auch in das kollektiv Unbewusste (C.G. Jung) bzw. in die morphische Resonanz (R. Sheldrake) eingeschrieben, — und leitet sich noch aus den falsch verstandenen archaischen Prinzipien der biologischen Evolution ab, quasi das Kulturmodell des Überlebenskampfes. 100% Tat-Orientierung und wir müssen um Verbundenheit kämpfen. Die konkreten Einflussfaktoren entziehen sich zudem überwiegend dem Bewusstsein — und damit auch der Individualität.
Ein Neubeginn ist in unserem kulturellen Verlauf kaum zu erkennen. Das anfänglich gesetzte Verständnis von Ordnung wurde niemals grundsätzlich verändert und schreibt sich nicht nur in der gesellschaftlichen Ordnung fest, sondern vor allem in uns. Die Sprache, Bilder und Mythen unserer Kultur werden aus unserer Weltsicht getrennt gesehen, gefühlt, gedacht. Dies fängt mit der Trennung von Innen und Außen an, also dem grundsätzlichen Verhältnis zur Sozialität und sonstigen Umwelt. Schon im Wort ist die Trennung enthalten: Welt|Umwelt. Und auch in uns: Körper und Geist erscheinen uns getrennt. Obwohl die Gedanken und Empfindungen der Verbundenheit der Dinge miteinander zu allen Zeiten vorhanden waren.
Es ist ein so grundsätzlicher Zusammenhang, dass die Sprache zum Problem wird: Für uns steht Chaos für Anarchie — doch Chaos ist die Grundlage von Ordnung, Natur, Leben. Das, was wir uns unter Ordnung vorstellen, entspricht gerade nicht einer natürlichen Ordnung, sondern ist ein nichtexistentes Ideal. Die treibende Kraft von Physik und Chemie und allen höheren Ordnungen sind Ungleichgewichte! Ein Gleichgewicht wäre das Ende aller Prozesse. Und wenn das beunruhigend wirkt, liegt das nur an unserer völlig konträr zur Wirklichkeit stehenden Besetzung von Worten und Symbolen. Alles ist dazu geeignet, völlig andere (exakt konträre!) Denkstrukturen und Gefühle und Bedürfnisse und Ziele zu entwickeln. Unsere grundsätzliche Haltung zur Umwelt, unsere Sozialität und Gesellschaftsstruktur leitet sich letztlich daraus ab.
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- Veröffentlicht:
- 12:50 PM / 12:50 PM
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