Stufe II: do it !
Stand: 05/ 2003
realitätundbewusstseinzusammentreffenquantenkunstgehirnströmebildgebendeverfahrenparadigmenwechselerfahrenplattformneubewertu gdesabstraktenhfgkarlsruhesoundforgeiconicturnwissenschaftneuroimagemikrotubolibiofeedbacklamamönchezkmiconicclashhbkbraunschw ig&friends
Theoretischer Hintergrund:
Neben eigenen Überlegungen, die sich aus den quantischen Phänomenen
ableiten, setzte ich auf die Beschreibung ›Zum Ritornell‹ aus Tausend Plateaus von Deleuze/Guattari (S. 424 ff.):
Einen Ariadnefaden spinnen, einen Kreis ziehen, ein Territorium schaffen (der Begriff), um dieses zu öffnen zur Verbindung mit anderen geordneten Territorien.
Peter Sloterdijk‘s Sphären (Band 1: Blasen; Band 2: Globen; in Kürze Band 3: Schäume)
erscheinen mir als weitergehende theoretische Begründung hervorragend geeignet. Schon die ›Sphären‹ selbst gelten als ein kaum mehr kommunizierbares Phänomen, welche jedoch m.E. als visuelle Information (Begriffsuniversum) vermittelbar/weltlich werden:
»Die Sphäre ist das innenhafte, erschlossene, geteilte Runde, das Menschen bewohnen, sofern es ihnen gelingt, Menschen zu werden. Weil Wohnen immer schon Sphären bilden heißt, im Kleinen wie im Großen, sind die Menschen die Wesen, die Rundwelten aufstellen und in Horizonte ausschauen. In Sphären leben heißt, die Dimension erzeugen, in der Menschen enthalten sein können.«
(Band 1: Blasen, S. 28)
Bei der Diskussion war man sich einig, dass das sprachliche Umkreisen der Sphäre nicht zu einem wachsenden Verständnisführt, sondern beschreibt umgekehrt einen fortschreitenden Entzug von Sinn und Sinnhaftigkeit (der natürlich durchaus intendiert sein kann).
»Sphären I ist in einer gewissen Weise der Versuch, [die] unerträglich
gewordene Spaltung der Wissenswelten zu relativieren und so etwas wie eine demokratische Esoterik zu kreieren.«
(Sonne und Tod, S. 153)
»Ich verbleibe, zumindest nach meiner Selbstlektüre, im Raum der erweiterten philosophischen Prosa und daher im Bezirk der Begriffe, auch wenn mehr als üblich Bildliches, Metaphorisches, Klanghaftes dazukommt.« (dto., S. 156) Daneben spielen Bilder auch als Denkfigur (Räumlichkeit, Sphäre) und als Argumentationsstil (Metaphorik) eine Rolle.
Meines Erachtens greifen unsere Überlegungen zur Plattform genau diesen Ansatz auf und versuchen, ihn wie vorgezeichnet in visuelle und klangliche Information zu übertragen.
Aus dem Protokoll von Silke Horstkotte des Workshops mit Peter Sloterdijk im Rahmen des Iconic Turn:
Vielmehr scheint es ihm in erster Linie um einen neuen Subjektbegriff zu gehen, der nun aber auf die oben skizzierte Konzeption von Subjektivität als eines mit Sehen und Sichtbarkeit eng verknüpften Phänomens reagiert und der deshalb auch eine Reaktion auf den Iconic Turn darstellt.
In dem Interviewband Die Sonne und der Tod spricht Sloterdijkvon der »Absicht, mit der Revision des Subjektfetischismus und des metaphysischen Individualismus ernst zu machen«, die er in Sphären verfolge (dto. S. 138). Diese Revision besteht in einer neuen Version der Intersubjektivität der Subjektivität, die Sloterdijk nun allerdings gerade nicht auf der Seite des Subjektes verortet, sondern als ein objektiv gegebenes Faktum beschreibt:
»Das philosophische Engagement von Sphären I besteht in dem Vorsatz, die in der philosophischen Tradition stiefmütterlich behandelte Kategorie der Relation, der Beziehung, des Schwebens in einem Ineinander- Miteinander, des Enthaltenseins in einem Zwischen, zu einer erstrangigen Größe zu erheben und die sogenannten Substanzen und Individuen nur als Momente oder Pole in einer Geschichte des Schwebens zu behandeln. Dies alles aber nicht im Stil einer Dialogphilosophie, wie sie unter den Theologen populär geworden ist, sondern mit Hilfe einer profanen oder anthropologischen Theorie des geteilten Raums oder des subjektiven Feldes.« (dto S.139).
Der Subjektbegriff wird also von Sloterdijk als Raum gesehen— und ich denke, anders kann sich dem Subjekt als auch der Wirklichkeit nicht angemessen genähert werden. Spannend, dass auch Sloterdijk eine intersubjektive Ebene zulässt und sie zudem im Subjektiven verortet, wobei ich dieses als das Unbewusste lese, welches zur Schnittstelle aufgewertet ist.
Der Begriff der Sphäre umfasst dabei:
A. die intimen Sphären oder Blasen, die in etwa der dyadischen (zusammengefasste Zweiheit/quantischer Dualismus) Mutter-Kind-Beziehung in der psychoanalytischen Theorie entsprechen, auch wenn Sloterdijk die dyadische Beziehung auf die vorgeburtliche Zeit zu beschränken scheint. An anderer Stelle bezieht er sich aber auch auf jede zwischenmenschliche Beziehung, ja sogar auf die Beziehung von Mensch und Gott.
B. geopolitische Sphären, d.h. Globen.
Es ist zu beachten, dass die Blasen in Sphären I aus einer nostalgischen Perspektive geschildert werden, dass also die dort entworfene Theorie einer innigen Zweisamkeit bereits das Kompensat von Verlusterfahrungen darstellt. Die Globen, denen sich Sloterdijk in Sphären II widmet, werden in diesem Sinne als ›Fetische‹ bezeichnet, d.h., das Anfertigen von Globen figuriert zugleich den durch die Globalisierung ausgelösten Verlust an Innigkeit. Das meint Sloterdijk nun allerdings nicht nur subjektiv oder psychoanalytisch, sondern er bezieht sich ganz objektiv und historisch auf das neue Weltbild der Renaissance mit seinem ›Verlust der Geborgenheit durch Himmelssphären‹ (Band 1: Blasen, S. 24).
Sloterdijk konstruiert drei historische Schritte in diesem Verlustprozess:
1. die Geometrisierung des Himmels bei Platon und Aristoteles;
2. die terrestrische Globalisierung durch Weltumsegelungen, Kolonialisierung und Ausweitung der Kapital- und Warenmärkte; und
3. die dritte Globalisierung der Gegenwart, ›ausgelöst durch die schnellen Bilder in den Netzen‹, die zu einer ›allgemeinen Raumkrise‹ führe (Band 1: Blasen, S. 67). In der dritten Phase herrschen nicht mehr Blasen oder Globen vor, sondern der aus vernetzten Einzelblasen sich zusammensetzende ›Schaum‹ (Band 1: Blasen, S. 72).
Wie sich dieser genau zu den Blasen verhält, wird nicht ganz deutlich, offenbar soll dies Gegenstand des noch nicht vollendeten dritten Sphären-Bandes sein. Die Rede von der ›allgemeinenRaumkrise‹ deutet einmal mehr auf eine nostalgische Perspektive hin. Der Rückschau auf die Geborgenheit in Sphären stellt Sloterdijkeine extrem kritische Diagnose der Gegenwart gegenüber: »Kein Glück ist vor der Endoskopie sicher; um jede selige, intime, vibrierende Zelle treiben sich Schwärme von berufsmäßigen Desillusionierern herum, und wir treiben in ihnen — Denk-Paparazzi, Dekonstruktivisten, Innenraumleugner, Kognitions-Wissenschaftler, Komplizen einer Lethe-Plünderung ohne Grenzen. Das Beobachtergesindel, das alles von außen nehmen will und keinen Rhythmus mehr versteht — gehören wir denn nicht längst selbst zu ihm, in den meisten Belangen, in den meisten Momenten?« (Band 1: Blasen, S. 77)
Trotz aller wissenschaftlichen Fundierung wird die Plattform genau diesen Innenraum aufzeigen, ihn intuitiv erfühlbar machen, ihm seine Freiheit lassen. Gilles Deleuze fasst das Problem nochmals prägnant:
»Die Suche nach neuen philosophischen Ausdrucksmitteln wurde von Nietzsche eingeleitet und muss heute entsprechend den Neuerungen in manchen anderen Künsten, im Theater oder im Film etwa, fortgesetzt werden. In dieser Hinsicht können wir von nun an die Frage nach der Verwendung der Philosophiegeschichte stellen. Die Philosophiegeschichte muss, wie uns scheint, eine ganz ähnliche Rolle wie die Collage in einem Gemälde übernehmen. Die Geschichte der Philosophie ist die Reproduktion der Philosophie selber. […] Die Nacherzählungen der Philosophiegeschichte müssen eine Art Zeitlupe, Erstarrung oder Stillstand des Textes darstellen: nicht nur des Textes, auf den sie sich beziehen, sondern auch des Textes, in den sie sich einfügen.«
Gilles Deleuze (Differenz und Wiederholung, München 1992, S. 14.)
Dies sind Adornos Überlegungen als Synthese aus Hegel und Benjamin. Deleuze erweitert diesen Ansatz auf die Modifizierung der Ausdrucksformen der Philosophie selbst — eine Neufassung selbst der Begrifflichkeiten, eine Angleichung an eine unzweifelhaft bestehende Wirklichkeit.
Das oben angesprochene Motiv der Zeitlupe, ursprünglich von Adorno als Lektüre-Verfahren für Hegel entwickelt, bestätigtesich. Die Zeitlupe vermeidet es, den Fluss zu unterbrechen, zum Stillstand oder Standbild zu bringen, verhindert aber, dass die Bilder weiterhin in der Geschwindigkeit vorbeifließen, die der eingeschränkten menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit Kontinuität suggeriert.
Die Zeitlupe hält die Mitte und ist potentiell geeignet, den Fetisch des Films zu entdecken und zu zeigen, was er ist: laufende Bilder.
Vgl. auch Paul Virilio: »Im Film können wir sehen, wie unser Bewusstsein
funktioniert. Unser Bewusstsein ist ein Montageeffekt. Es gibt kein kontinuierliches Bewusstsein, nur ein zusammengesetztes.
« (Technik und Fragmentierung. Paul Virilio im Gespräch mit Sylvere, S. 87)
Deleuze geht hierüber hinaus, indem er die Zeitlupe nicht nur als Rezeptions-, sondern auch als Produktionsmethode vorschlägt, hierin in mancher Hinsicht Hegel nahe: »Die großen Philosophen sind auch große Stilisten. Der Stil in der Philosophie ist die Bewegung des Begriffs.«
Gilles Deleuze (Unterhandlungen. 1972 - 1990. Frankfurt 1993, S. 204)
Deleuze fordert einen Stil, der Variationen, Modulationen der Sprache schafft, und Potentialdifferenzen in der Sprache entstehen lässt, zwischen
denen es funkt — er selbst spricht von Blitzen (dto., S. 205). Darüber hinaus fordert er, gegen die lineare, konsequente Entwicklung, eine ›Art Zickzack‹ im Verlauf der Sprache (Tausend Plateaus, S. 433).
Gegen statische Großbegriffe setzt Merleau-Ponty auf sich ausdehnende, drehende, bewegende-dynamische Begriffe. Auch hiermit sind Versuche oder Verfahren benannt, der Statik, welche die Philosophie erledigt, zu begegnen, das zu forcieren, was einzig ihre Stärke ist und was Adorno in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt hatte:
» […] daß die Philosophie eben der Gedanke in einem permanenten statu nascendi ist; und daß es, wie der große Gründer der Dialektik, Hegel, gesagt hat, in der Philosophie auf den Prozeß ebenso ankommt wie auf das Resultat; daß Prozeß und Resultat […] sogar das Gleiche seien. Darüber hinaus meine ich, daß gerade dem philosophischen Gedanken ein Moment des Versuchenden, Experimentierenden, nicht Abschlußhaften eigen ist, der die Philosophie von den positiven Wissenschaften unterscheidet.«
Theodor W. Adorno (Metaphysik. Begriff und Probleme 1965. Nachgelassene Schriften Abteilung IV: Vorlesungen Band 14, herausgegeben vom Theodor W. Adorno Archiv. Frankfurt 1998, S. 296f. )
Kein Nebeneinander der Wissens- und Forschungsgebiete, sondern ein Ineinander, eine organische Ordnung, die Suche nach dem Generalnenner — welcher spielerisch erfahrbar wird.


Was Kunst und Wissenschaft vereinigt,
ist der Drang,
Wahrheit jenseits des herrschenden
Konsens zu finden.
Theodor W. Adorno
Über diesen Beitrag
Sie lesen gerade
“Stufe II: do it !,”
ein Beitrag auf well…come 21
- Veröffentlicht:
- 10:12 AM / 10:12 AM
- Kategorie:
- Stufe II: do it! (2004-2006)
