Quantischer Dualismus




»Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstile hineingerät, dass ihr jede Selbständigkeit, jede Sitte, jede Geborgenheit und Unschuld verloren geht.«
Herrmann Hesse, Der Steppenwolf, 1927
Die klassische Wissenschaft und Philosophie geht von getrennten Objekten aus, die man beobachten und untersuchen kann — und nicht von Subjekten, die in einem Zusammenhang stehen. Es war daher nur folgerichtig, die Dinge im Experiment zu isolieren, einzelne ›Fakten‹ zu sammeln und daraus Theorien zu bilden, die dann als objektiv galten. Es hat lange gebraucht, bevor vor ca. 80 Jahren erkannt wurde, dass der Beobachter und sein Bild von der Welt erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse hat (Messproblem): die Wirklichkeit bietet immer eine Reihe von Möglichkeiten, und der Mikrokosmos realisiert sie je nach Messapparat mal so, mal so. Bekannt wurde dieses Phänomen unter dem Stichwort des Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts. Das Licht kann als Teilchen, als Photon, gemessen werden, als auch als Welle — es ist unentscheidbar, was Licht an sich ist. Ich wage zu behaupten, dass wenn wir uns andere Formen vorstellen könnten, so würden wir sie ebenso messen können, potentiell ist Licht wohl alles. Licht offenbart uns nicht nur bestimmte Aussagen über seine Natur, es ist die Offenbarung selbst.
Der Welle-Teilchen-Dualismus führt zu einer Denkbewegung, die die Philosophie als Konstruktivismus bezeichnet, was jedoch im ersten Schritt zu einem neuen Dualismus führt, dem Gegensatzpaar von Realismus-Konstruktivismus. Die Überwindung der geistigen Kultur in Dualismen zu denken und zu fühlen, bricht mit einer 2500 Jahre alten Tradition und dem Fundament der Wissenschaft und klassischen Philosophie: Die Logik von Aristoteles.
Die aristotelische Logik beruht auf drei Aussagen:
1. A ist gleich A (Identität),
2. A ist ungleich zu Nicht-A (Widerspruch) und
3. jede dritte Möglichkeit ist ausgeschlossen, A kann nicht
identisch und im Widerspruch stehen mit X.
Wenn man dies erst einmal im Kopf hat, wie wir alle, dann ist es schwer, sich wieder davon zu verabschieden, um zu einer anderen Logik zu gelangen. Diese andere Logik wird ›Parodoxe Logik‹ genannt und wird traditionell von der östlichen Philosophie vertreten, findet sich jedoch auch in der Dialektik von Hegel und Marx: These-Antithese-Synthese. A und Nicht-A sind lediglich Eigenschaften von X.
Schon Heraklit erkannte:
»Sie begreifen nicht, dass es (das All-Eine) auseinanderstrebend, mit sich selber übereinstimmt: Widerstrebende Harmonie wie bei Bogen und Leier.«
Wir dürfen natürlich nicht den Fehler machen, nun die Paradoxe Logik als neues Dogma zu begreifen. Logik und Paradoxe Logik sind kein unversöhnlicher Gegensatz, sondern bedingen sich und sind ein oszillierendes Wechselspiel. Denn beides ist gleichzeitig wahr. Es geht immer wieder um das Einüben dieser Denkbewegung. Vom Dogma zum komplexen Denken und Wahrnehmen.
Die wahrgenommenen Gegensatzpaare spiegeln nicht das Wesen der Dinge, sondern das Wesen des wahrnehmenden Geistes wider.
»Das wahrnehmende Denken muss sich selbst transzendieren, um die wahre Wirklichkeit zu erreichen. Der Widerspruch ist eine Kategorie des menschlichen Geistes.« Erich Fromm
Ich will das am Beispiel des Meeres verdeutlichen. Das Meer besteht aus Wassertropfen, H2O-Moleküle, also Teilchen und aus Wellen, also sich ausbreitender Bewegung.
Ist das Meer Welle oder Teilchen? Sicherlich weder noch — es ist, was es ist, nur als Ganzes, als verbundene Einheit. Das Meer ist also ein Feld und viele Teilchen und eine Welle und ein Hohlraum und ein Resonator und ein Lebensraum und das Glück und der Untergang und der Tod und der Ausgangspunkt allen Lebens etc., — auf jeden Fall mehr als die Summe seiner Teile. Auf das Meer zu schauen oder in das Meer zu gehen, es zu erfahren — dies IST wohl nicht das Meer, und doch verstehen wir es dabei am besten.
Aufgrund der bisherigen Erkenntnis ist eine neue Kultur auch in der Auflösung des Dualismus zu suchen. Ich gebrauche daher den Begriff des quantischen Dualismus, der die nötige Denkbewegung der inneren Verbundenheit der Gegensätze beschreiben soll:
Die tiefste Wahrheit eines Begriffes findet sich in seinem Gegenpol. Der quantische Dualismus umfasst alle Begriffe.
Dies erfordert eine bestimmte Komplexität und Differenziertheit.
Es kann unser Bewusstsein lernen lassen »um die Ecke zu denken«.
Einige zentrale Dualismen:
Subjekt — Objekt
Materie — Immaterielles
Real — Abstrakt
Körper — Geist
Bewusstsein — Unbewusstes
Das bisherige Paradigma der Trennung geht im wörtlichen Sinne unter die Haut, da es die Strukturen unserer Kultur und Psyche prägte, bis hin zum Selbstbild und zur Sexualität. Unser Verständnis von Dualismus ist federführend in der überwiegend unbewussten Steuerung unseres sozialen und kommunikativen Verhaltens, sowie dem Verständnis der Symbole. Ein Perspektivwechsel in dieser Frage sollte zur Auflösung der strikten Trennung von Technik, Kultur, Wissenschaft und Kunst führen. Bevor im folgenden vertieft auf die psychologischen und gesellschaftlichen Folgen eingegangen wird, will ich kurz auf die einzige Ausnahme vom Phänomen des quantischen Dualismus hinweisen:
Für die Wirklichkeit selbst ist dieses Phänomen nicht anwendbar. Die Unwirklichkeit ist nicht die tiefste Wahrheit der Wirklichkeit. Durch eine hohe Potenz menschlicher Projektion können wir zwar Unwirklichkeit herstellen, doch ist dies ein lediglich künstliches Gegenmodell, das aus der herrschenden Kultur entsteht.
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- Veröffentlicht:
- 1:11 PM / 1:11 PM
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