Es kann nur Einen geben! (M)ich!


Darwin|Freud|kapitalistische Ökonomie
— die biologische Evolution im Kulturkleid

Das alte mechanistische Weltbild leitet sich noch aus unserem Verständnis der archaischen Prinzipien der biologischen Evo­lution ab, quasi das Kulturmodell aus den inzwischen überholten ­darwinistischen Vorstellungen einer zufälligen Evolution und dem Recht des Stärkeren. Dies bedeutet uns eine 100%ige Tat-Orientierung, sprich wir müssen uns jede Verbundenheit erkämpfen, sind getrennt und müssen uns diese verdienen. Die naturgegebene Verbundenheit und der damit einhergehende geistige Akt bleiben uns bei dieser Betrachtung verschlossen. Vielmehr­ konditionieren wir so unsere Ängste vor Einsamkeit und haben eine Kultur geschaffen, die Angst als Ausgangspunkt hat und somit unsere Bedürfnisse nur neurotisch zum Ausdruck bringt. Die konkreten Einflussfaktoren entziehen sich zudem überwiegend dem Bewusstsein — und damit auch unserer Vorstellung von Individualität.

›Du oder Ich‹ — das ist die sozialdarwinistische Lebensweisheit, die uns den täglichen Existenzkampf verkündet, sich aufs harmonischste mit der heutigen Form des Kapitalismus verbindet und eng mit der Ich-Psychologie Freuds verflochten ist.

»Um zu beweisen, dass der Kapitalismus den natürlichen Bedürf­nissen des Menschen entspricht, musste man nachweisen, dass der Mensch von Natur aus auf Wettbewerb eingestellt und einer des an­deren Feind ist. Während die Nationalökonomen dies mit dem uner­sättlichen Streben nach wirtschaftlichem Gewinn ›­bewiesen‹, und die Darwi­nisten es mit dem biologischen Gesetz vom Überleben des Tüchtigsten begründeten, kam Freud zum gleichen Resultat auf­grund der Annahme, dass der Mann von dem unstillbaren Verlangen erfüllt sei, alle Frauen sexuell zu erobern, und dass ihn nur der Druck der Gesellschaft davon abhalte.«
E. Fromm

Vielmehr erzeugt jedoch der Druck von Gesellschaft und Medien dieses Verlangen, und ist zur Konvention geworden, um sich als Mann zu beweisen. Freud erklärte Liebe, Hass, Ehrgeiz und Eifersucht, alle Gefühle, als Ausdruck|Sublimierung des Sexualtriebes (Libido). Freud hing einem seiner Zeit gemäßen, physiologischen Materialismus an und sah daher im Sexualtrieb das Resultat einer im Körper auf chemischem Weg erzeugten Spannung, die schmerzhaft empfunden wird und daher nach Enspannung sucht. Wie ein Juckreiz, der durch sexuelle Befriedigung beseitigt wird. Aus dieser Sicht wäre die Selbstbefriedigung die ideale sexuelle Befriedigung.

Selbst wenn man weitergeht und die Wünsche nach Macht und Kontrolle, die aus der Ich-Psychologie folgen, eindenkt, sollte­ die ungehemmte Befriedigung aller triebhaften Wünsche seelische Gesundheit und Glück nach sich ziehen. Tatsächlich ist es jedoch so, dass die klinischen Fakten ein anderes Bild zeichnen: Ein Leben der hemmungslosen sexuellen Bestätigung als Konsum führt häufig zu schweren neurotischen Konflikten.
Freud erweiterte später die Vorstellung der Libido, als er den Begriff des Lebens- und Todestriebes entwickelte. Der Lebenstrieb (Eros) war auf Prinzipien der Synthese und Vereinigung begründet, was sich deutlich von der Libido abhebt. In der Literatur und Deutung fand jedoch nie eine dahingehende Revision des Libidobegriffes statt. Liebe war für Freud, einen Macht- und Ordnungsmenschen, eine Blindheit gegenüber der Wirklichkeit. Er übersetzte wohl Liebe mit Verliebtheit und unterlag dabei eventuell dem blinden Fleck seines eigenen Erfahrungshorizontes.

In Freuds Weltbild ist die äußere Realität, Personen wie Dinge, nur insofern von Bedeutung, als sie für einen selbst eine Befriedigung oder Versagung bedeuten. Alles außerhalb besitzt nur in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse Realität. Realität ist nur innen — und man ist dort allein. Aus dieser Isolation auf der einen Seite und den ›unersättlichen Bedürfnissen‹ auf der andern folgt der Zwang, sich jede Verbundenheit verdienen zu müssen, jede Befriedigung bedarf einer Vor-Leistung.
Dies schafft eine geistige Kultur der Angst — ein idealer Boden für Beeinflussung und Selbstverzicht einerseits, und dem Streben nach Glück durch Spaß, — Spaß am Konsum (vgl. Aldous Huxley,­ ›Brave new world‹). Der moderne Kapitalismus benötigt solche Menschen. Menschen, die reibungslos funktionieren, die immer mehr konsumieren wollen und deren Bedürfnisse manipuliert werden können. Menschen, die sich unabhängig und indidviduell vorkommen und sich doch, möglichst prinzipien- und gewissenslos kommandieren lassen bzw. von allein tun, was man von ihnen erwartet und sich reibungslos einfügen.
Menschen ohne Ziel, außer dem, den Erwartungen zu entspre­chen, zu funktionieren und sich besser zu stellen als andere. Wenn ich sowieso alleine bin, ist Egoismus nur logisch.

Diese psychologischen Leitlinien unserer ›Kultur‹ finden sich ebenso »[…] in den Massenmedien, die uns unentwegt ein Spiegel­kabinett omnipotenter Helden feilbieten, welche uns zeigen, wie wir die ­Probleme der Realität und den Kampf ums Dasein zu meis­tern haben. Nebenbei sei bemerkt, dass sie uns auf dem Feld einer ­perfektionierten Werbungs­strategie nicht nur kontinuierlich Voll­kommenheit verheißen (die vollkommene Hausfrau, der selbstbe­wusste Mann etc.), sondern dieselbe genauso kontinuierlich zerstü­ckeln, indem sie auf immer neue Mängel hinweisen bzw. Mängel pro­duzieren, die unserer Selbstverwirklichung noch im Wege stehen.« Gerda Pagel

Heutzutage Dinge nutzbar zu machen heißt immer, sie zu besitzen, zu kontrollieren und sie dabei zu entstellen oder gar vernichten. Dieses Prinzip ist keineswegs ur-menschlich, sondern un-menschlich. Diese Prinzipien sind nicht die Konsequenz aus unserer biologischen Evolution, sie entspringen nicht unseren Trieben oder gar tierischem Verhalten. Wir tun dem Tierreich unrecht, weil ein solches asoziales und destruktives Verhalten in der Natur nicht die Regel ist, gar nicht sein könnte, wenn Leben enstehen soll.
Diese Prinzipien entspringen rein der Konstruktion unserer fehl­geleiteten Vorstellungen von den Dingen und haben nicht die Mittel, den Menschen zum Menschen kommen zu lassen.


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