“Philosophie des 20. Jahrhunderts” von Dr. Stefan Winter
Philosophie des 20. Jahrhunderts in Bezug auf Bewusstsein und Realität - Die Textur der Welt
Ich lese die Quantentheorie in der Konstellation von Wissenschaft, Kunst und Philosophie als ein Bündel von Entwicklungslinien. In welchem Raum des Wissens und der Erfahrung konnte die Quantentheorie auftreten, wie hat sie ihrerseits diesen Raum verändert? In welcher Auslegung der Welt sehen wir sie heute, wie wirkt sie ihrerseits auf diese Auslegung? Die Quantentheorie entsteht in einer Zeit, in der sich die Moderne noch ex negativo von Paradigmen her versteht, die aus der Metaphysik der Neuzeit stammen. Die Zeit dieser Überlagerung ist die industrielle Moderne, und sie fängt dort an umzubrechen, wo sich die produktive Dynamik der Moderne aus sich selbst versteht. In der medialen Moderne, die sich aus dieser Umwälzung bildet, kann auch die Quantentheorie anders aufgenommen werden.
Um diese Verhältnisse zu rekonstruieren, sehen wir zuerst auf die Entstehung der mathematischen Naturwissenschaft und machen uns einige Züge der Neuzeit deutlich. Die mathematische Naturwissenschaft entsteht aus der Überzeugung, dass Gott die Natur nach mathematischen Gesetzen geschaffen hat. Das heißt auf der einen Seite: das große Buch der Natur ist in der Sprache der Geometrie geschrieben, wie Galilei sagt, in einer Sprache, die wir lernen müssen. Und das heißt auf der anderen Seite: unser Erkennen muss durch die Methode der mathesis organisiert sein, wie Descartes sagt.In der Entfaltung dieser Methode trennt Descartes die geistige von der physischen Natur und erklärt alle Phänomene der körperlichen Natur erstens aus der Gestalt, aus der Ausdehnung nach Länge, Breite und Höhe, und zweitens aus der Bewegung. Gestalt und Bewegung sind mathematisch bestimmbar, die Welt ist inkarnierte Geometrie. Das ist das sog. mechanistische Weltbild. Descartes gründet die (klare und deutliche) Vorstellung körperlicher Dinge dadurch als Erkenntnis, dass er sie in einen Seinsgrund reflektiert, der zugleich auch Erkenntnisgrund ist. Gott koordiniert in seiner Schöpfung die physische Welt und die geistige Erkenntniskraft —Bewusstsein und Wirklichkeit, Ich und Welt sind vermittelt über den schöpferischen Grund der Natur.
In dieser Grund-Figur entwickelt sich die Philosophie bis zu Leibniz, die Naturwissenschaft bis zu Newton. Newtons Mechanik beschreibt mathematisch alle Bewegungsphänomene in einem festen Rahmen: der absolute Raum und die absolute Zeit, in denen alle Bewegung und Veränderung stattfindet, sind selbst unbewegliche und unveränderliche Attribute Gottes. In allen Positionen dieser Entwicklung bleibt das Weltbild mechanistisch, zugleich bleibt aber der Mechanismus gehalten von einem Schöpfergott. Diese Natur-Wissenschaft ist — wie ihre Protagonisten ausdrücklich sagen — eine Art von Gottesdienst: denn sie zeigt in der Natur den mathematischen Plan ihres Schöpfers und bringt uns so dem Geist Gottes näher. Das gilt modifiziert auch noch in der letzten Phase der Neuzeit, von Kant bis zu Hegel.
In der kantischen Wende werden der absolute Raum und die absolute Zeit zu reinen Formen der Anschauung. Das heißt: Was immer wir sinnlich als Gegenstand vorstellen, ist a priori in Verhältnissen bestimmt, die in unserer Erkenntniskraft liegen, und in diesen Verhältnissen werden die Erscheinungen mathematisch durch Begriffe der Größe bestimmt. Was andererseits fordert, dass die Begriffe der Mathematik anschaulich darstellbar sein müssen. Es gibt für die Erscheinungen, sagt Kant, nur ein begrifflfliches Bestimmungsnetz — für den Raum die euklidische Geometrie — dieses Netz ist uns durch die Natur unserer Erkenntniskraft gegeben, und es ist in sich ungeschichtlich — die Geometrie musste nur entdeckt, entwickelt und begriffen werden, mehr ist nicht zu tun. Damit hat Kant die Mathematik und die Naturwissenschaft in den Grenzen der Anschauung gehalten, und er hat ihnen eine theoretische Grundlegung im System des Wissens gegeben.
In der weiteren Entwicklung der Metaphysik löst Hegel die alte Verbindung von Begriff und Anschauung, von Begriff und Vorstellung auf. Die Phänomenologie des Geistes versenkt alle Formen des Vorstellens, alle geschichtlich aufgetretene Semantik in die Syntax des Begriffs. Die Wissenschaft der Logik legt die reine Syntax des Begriffs auseinander.Die Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften stellt den Kreislauf dar, in dem sich der Begriff (der göttliche Geist) als physische und geistige Natur realisiert. Ziehen wir von hier aus eine Art Quersumme, dann finden wir 3 Züge:
1. Das Wissen der Neuzeit ist theologisch gegründet.
2. Das Wissen der Wissenschaft hat die Gestalt eines geschlossenen Systems, in dem Zeit, Geschichte ein äußerlicher Faktor ist — bis hin zu Hegel, bei dem das System in sich geschichtlich ist.
3. Das Wissen der Neuzeit steht unter dem Gesetz der Repräsentation, das alle Begriffe an die Vorstellung bindet — bis hin zu Hegel, der den Begriff vom Vorstellen trennt.
In dieser Trennung ist Hegels System nach der einen Seite die Vollendung der Metaphysik, nach der anderen Seite bringt es alle Voraussetzungen zusammen für die Eröffnung der Moderne: Hegel legt nur die Begriffsstruktur auseinander, die zum Vorstellen in der Metaphysik gehört, er leistet so eine Erinnerung aller gewesenen Metaphysik. Die Trennung des Begriffs vom Vorstellen ist aber zugleich die Voraussetzung dafür, dass die Syntax des Begriffs in der Folge frei für sich entwickelt werden kann, und damit öffnet sich die Moderne — deutlich zuerst in der Mathematik.
In der Mathematik entwickelt Gauß 1817 die erste nicht-euklidische Geometrie. Das ist eine Geometrie, die einen gekrümmtenRaum annimmt und in sich genauso widerspruchsfrei ist wie die euklidische.
Damit ist in der Geometrie ein anderes begrifflichesBestimmungsnetz aufgetaucht, und es ist a priori nicht entscheidbar, sagt Gauß, welches von beiden die Wahrheit des Raums darstellt. Das Netz idealer Formen löst sich damit vom realen Material der Vorstellung ab, es tritt ein Riss zwischen Idealem und Realem ein.
In dieser Situation liegen 3 Konsequenzen:
1. Solange es nur ein einziges begriffliches Bestimmungsnetz gab, war jede Erscheinung darin gegründet und bedeutsam — nun löst sich die Erscheinung aus dieser Bindung ab und wird ein blankes, in sich sinnloses Material, das in verschiedene Systeme der Sinngebung eingesetzt werden kann.(Entsprechend sehen die Astronomen aus der Generation Hegels göttlich beseelte Himmelskörper, und die nächste Generation sieht Haufen staubiger Materie.)
2. Die Verbindung von Idealem und Realem ist weder in einer geschaffenen Natur von sich her gegeben, noch ist sie durch die Natur der Erkenntniskraft gegeben, für Gauß ist die Verbindung der euklidischen Geometrie mit den Erscheinungen nur eine lange Gewohnheit. Damit ändert sich der Begriff der Natur radikal, parallel zum Umbruch von der Zeit der Manufaktur zur industriellen Moderne: die Metaphysik dachte menschliche Produktion innerhalb der produktiven Natur mit ihrem göttlichem Grund, nun wird die Natur Rohmaterial der industriellen Produktion.
3. Kant hatte die Geometrie als theoretische Wissenschaft von der Geometrie als ›Kunst‹ oder ›Technik‹ unterschieden. Nun wird die theoretische Geometrie selbst zu einerTechnik oder Kunst, die zwei Möglichkeiten anbietet, wie wir Erscheinungen geometrisch bestimmen können. Der Charakter der Wissenschaft ändert sich, sie wird selbst produktiv.
Alle diese Züge zeigen einen Umbruch an, in dem sich der ganze Raum des Wissens und der Erfahrung neu organisiert. Dieser Umbruch war für die Zeitgenossen eine Schockerfahrung, die Nietzsche später unter dem Titel Nihilismus analysiert. Erster Zug des Nihilismus: es gibt keine absolute Beschaffenheit der Dinge. Zweiter Zug des Nihilismus: es gibt kein vorgegebenes Ziel. Eine Schockerfahrung ist dieser Umbruch allerdings nur solange, wie die neue Situation vom alten Paradigma der Metaphysik her gesehen wird: dann ist die frühere Wahrheit entzogen und der frühere Grund wird zum Abgrund. Gauß war die neue Geometrie so unheimlich, dass er sie nicht veröffentlicht hat — das haben bald darauf andere getan, und die Mathematik geht auf der Bahn, die sich hier geöffnet hat, konsequent weiter. In der Folge löst sie die Geometrie vollständig in Algebra auf — diese Bewegung ist 1872 abgeschlossen mit Kleins Erlanger Programm.
Parallel zu dieser Entwicklung der Geometrie hatten Bolzano und Cauchy 1817 angefangen, die Differential- und Integralrechnung von der geometrischen Anschauung abzulösen; um 1830 hatten sie alle Begriffe der Analysis als arithmetische Begriffegefasst. Die Ablösung von der Anschauung bleibt aber auf halbem Weg, denn die Folge konvergiert noch gegen eine Zahl als Grenze, die ihr von außen gegeben ist. Das ist der Rest der alten Bindung an die Anschauung, und diesen Rest löst Weierstraß 1872 dadurch auf, dass er zeigt, wie die Folge ihre eigene Grenzeaus sich heraus setzt. Diese Dynamisierung löst die alte Analysisauf in Funktionen von Funktionen ohne festen Punkt, in reine Bewegung.
1872 ist also die Mathematik so umgestaltet, dass sie formaleSysteme entwirft, in denen die Anschauung ein sekundärer Effekt ist, und dass diese Formen dynamisch in Bewegung sind. Diese Konstellation greift in die Naturwissenschaften durch und führt in der Physik 1905 zur Relativitätstheorie. Mit dieser Theorie löst Einstein den absoluten Raum und die absolute Zeit auf in Bewegungen, die gegeneinander zu bestimmen sind, konstant bleibt die Lichtgeschwindigkeit. Parallel bringt der Umbruch in die Moderne auch eine neue Kunst:
In der Dichtung erkundet Mallarmé, wie Bedeutung entsteht — er geht auf das ›Syntaxieren‹ zurück, arbeitet mit dem Spiel von Form und Klang an der Grenze zur Bedeutung, setzt das Eigenleben der Sprache frei. Mallarmés Gedichte sind kristallisierte Bewegung, und sie geben auch zu sehen, wie sich die Worte verräumlichen.
In der Malerei geht es Monet und Cézanne weniger um den Gegenstand als vielmehr um sein immer wieder anderes Erscheinen. Picasso und Braque dynamisieren die Perspektive, blenden Perspektiven übereinander und verräumlichen so die Zeit. Dadurch defiguriert der Gegenstand, und das lässt weiter fragen, wie sich Räumlichkeit und Gegenständlichkeit aufbauen. Malewitsch hat diese Frage völlig vom Gegenstand abgelöst und befasst sich nur noch mit den syntaktischen Mitteln, deren Kombination Bedeutung aufbaut.
In der Musik führt eine parallele Entwicklung zu Schönbergs Zwölftonmusik, die auf eine Syntax geht, deren Elemente Töne sind. Auf den ersten Blick liegen Mathematik, Naturwissenschaft und Kunst in dieser Zeit weit auseinander, und nur wenige Zeitgenossen wie etwa Jakobson haben die analoge Struktur in der Entwicklung gesehen. Wenn wir aus sehr viel größerer Entfernung auf dieselbe Entwicklung sehen, dann zeigen sich 3 parallele Züge:
1. In allen Feldern sind die Zeichen freigesetzt, denn sie sind nicht mehr vom Referenten her aufgebaut. In allen Feldern entfaltet sich ein Formales, ein ›Abstraktes‹, das nicht mehr von etwas abstrahiert ist.
2. In allen Feldern bildet der Zusammenhang der Formen keinumfassendes Ganzes, er bildet und verändert sich in zeitlicher Bewegung.
3. In allen Feldern gewinnen die Elemente eines Zusammenhangs ihre Umgrenzung, ihre Identität aus der Unterscheidung voneinander, aus einem Differieren, das Saussure in der Analyse der Sprache auf den Punkt bringt: wir finden nicht zuerst positive Termini und dann ihre Unterschiede — die positiven Termini ergeben sich aus Differenzen, das erste ist die Bewegung des Differierens.
In der Philosophie setzt sich Husserls Phänomenologie mit dieser Konstellation auseinander. Die Phänomenologie ist eine Analyse des Bewusstseins. Sie wendet sich von den Gegenständen auf die Bewusstseinsakte, die Gegenstände konstituieren, die Gegenstände erscheinen lassen. Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, es richtet sich immer auf Gegenstände, und die Gegenstände sind als (bedeutsame) Gegenstände nur im Bewusstsein da. Bewusstsein und Gegenstand bilden sich aneinander. Diese Korrelation analysiert Husserl zunächst für das Feld der Wissenschaften, dann aber auch für die Lebenswelt, für die Welt der unmittelbaren Erfahrung. Diese Analyse wird in 2 Zügen durch ihre Rückbindung an die Metaphysik eingeschränkt:
1. Husserl sieht zwar den modernen Riss zwischen Idealem und Realem — er versucht aber, alle Formen auf den Boden der Anschauung zurückzubinden, er versucht das Zeichen vom Gegenstand des Vorstellens her aufzubauen, und er versteht Sprache nicht als Medium der Konstitution, sondern als Instrument des Ausdrucks.
2. Husserl sieht zwar, dass das konstituierende Bewusstsein eine Zeitspur ist — er versucht aber, die Zeitlichkeit in ein geschlossenes System zu bringen. Das konstituierende Ich entspringt, indem es sein Licht auf Gegenstände wirft. Dabei ist es auf den Gegenstand gerichtet und kann sein eigenes Entspringen nicht erfassen, es kann nur nachträglich darauf reflektieren. Sein Licht kommt aus einer Quelle, die ihm dunkel bleibt, sein Sehen ist geprägt von einem blinden Fleck, der sich immer wieder neu erzeugt. DieseBewegung versucht Husserl in einen unveränderlichen Welthorizont einzufassen.
In dieser Spannung von produktiven und restaurativen Zügen steht Husserls Arbeit exemplarisch für die Philosophie der industriellen Moderne: sie hat keinen Grund und kein geschlossenes System, hält aber an der Forderung nach Grundlegung und Geschlossenheit fest, und versteht sich so in Termini von ›Entzug‹ und ›Abgrund‹. In Husserls Spätwerk sind alle Momente dieser Problematik so versammelt, dass eine Drehung genügt, um die ganze Konstellation zu verändern.
Diese Drehung hat Merleau-Ponty vollzogen in seiner Verwandlung der Phänomenologie. Mit dieser Drehung kommt die Moderne auf ihre eigene Modernität, und die Punkte dieses Durchbruchs breiten sich überall in ein Feld aus, in das Feld der medialen Moderne.
1. Für Husserl war es die Aufgabe der Wissenschaft, die Lebenswelt durchsichtig zu machen und Orientierung in ihr zu geben. Für Merleau-Ponty dagegen wird die Wissenschaft getragen von den Strukturen der Lebenswelt und findet in dem ›rohen Sinn‹ der Lebenswelt das unbestimmte X, über das sie das Netz ihrer Modelle wirft. Damit legt sie die Lebenswelt aus, expliziert ihren Sinn, wie das auch Kunst und Philosophie tun, und sie wirkt damit natürlich wie Kunst und Philosophie auch auf die Lebenswelt zurück.
2. Die Lebenswelt ist für Merleau-Ponty die Welt der leiblichen Existenz. Der Leib ist Medium der Öffnung zur Welt, die leibliche Existenz ist Zur-Welt-sein. Husserls Bewusstseins-Spuren werden zu Zeitspuren des leiblichen Bewusstseins. Leiblich bin ich eingebunden in das Gewebe der Welt. Mein Leib ist ein Sichtbares unter Sichtbarem und wird in einer Umkehr sehend: aus diesem Aufspringen des Bewusstseins gestalten sich Sehender und Gesehenes als zwei umgrenzte Pole. Ebenso dynamisch bilden sich Innen und Außen in der Verflechtung des Berührbaren und des Berührenden. Und diese Verflechtungen sind untereinander wieder verflochten. Das Ich ist hier nicht mehr ein Punkt, der sein Licht durch seine Bewusstseinsakte auf die Gegenstände wirft, das Ich ist ein Bündel von Verflechtungen im offenen Gewebe der Welt. Und das heißt auch, dass das bewusste, umgrenzte Ich ursprünglich mit den Anderen verflochten ist. Mit den Anderen bewohne ich eine Welt gemeinsamer Bedeutungen, die eine gemeinsame Sprachwelt ist. Und wenn ich neue Bedeutungen konstituiere, dann verläuft dieser produktive Akt in einer produktiven Sprache — in einer Sprache, deren Zeichen nicht vom Referenten her aufgebaut sind, deren Elemente durch ihre innere Differenzierung und Anordnung zu Ausdruckselementen werden. Erst wenn sich aus dieser Bewegung umgrenzte Bedeutungen und umgrenzte Zeichen kristallisiert haben, erscheint die Sprache als ein Instrument des Ausdrucks. In der ›Kulturwelt‹, in der ich mich mit anderen gewöhnlich aufhalte, scheint diese produktive Bewegung immer dann auf, wenn kristallisierte und verfügbare Bedeutungen so in eine neue Konstellation treten, dass sie darin aufplatzen, transformiert werden, und wenn dadurch eine Bedeutung erscheint, die vorher weder sagbar noch denkbar war. Ein Bedeutungszusammenhang kippt aus seinem Gleichgewicht und ordnet sich anders wieder an — in einer Bewegung, die Merleau-Ponty› kohärente Deformation‹ nennt. Für gewöhnlich aber bewegen wir uns in einem Netz verfügbarer Bedeutungen.
Kunst
Diese alltägliche, sedimentierte Auslegung des Ineinander von Ich und Welt bricht die Kunst auf. Wenn Merleau-Ponty von Kunst spricht, dann fokussiert er vor allem die bildende Kunst von Cézanne bis Giacometti.
Diese Kunst nun fragt auf ihre Weise nach dem Erscheinen des Gegenstands, und sie bewegt uns auf die Mitte der Verflechtung hin, aus der sich Sehender und Gesehenes als umgrenzte Pole bilden. Von dieser Mitte her werden beide Seiten rätselhaft und stehen immer wieder neu in Frage. Die Kunst geht also hinter die gewöhnliche Spaltung von Ich und Welt auf eine produktive Schicht der Bewegung zurück.
Wissenschaft
Die Wissenschaften, die Merleau-Ponty vor sich sieht, halten dagegen an dieser Spaltung fest. Für die Seite der Objektivität steht die Physik, für die Seite der Subjektivität die Psychologie. In dieser Verschränkung versucht die Wissenschaft, allesog. Subjektive auszuklammern, auf die objektiven Strukturen zu kommen, und auf diesem festen Boden das Subjektive wiederaufzubauen. Die Wissenschaft versucht, den Punkt einer absoluten Überschau zu erreichen, der nicht in das überschaute Feld eingebunden wäre. Und damit wird ihr Vorgehen aporetisch, denn einen solchen Punkt kann es nicht geben, weil wir immer situiert sind, weil wir immer in einer Perspektive stehen.
Von hier aus spricht Merleau-Ponty über die Quantentheorie. Im Doppelspalt-Experiment können wir je nach Messanordnung entweder Ort oder Geschwindigkeit des Elektrons genau bestimmen, nie aber beide zusammen:je nachdem wie ich die Messapparatur einstelle, ist der blinde Fleck Teilchen oder Welle. Die Unbestimmtheitsrelation müsste die Trennung von Subjekt und Objekt im Selbstverständnis der Wissenschaften aufbrechen, sagt Merleau-Ponty. Sie zeigt nämlich, dass die Korrelation von Beobachter und Beobachtetem unhintergehbar ist. Stattdessen wurde die Unbestimmtheitsrelation lange so verstanden, dass sie die Daten der Physik als nur subjektiv erweist, dass die Objektivität für immer verloren ist. Und diese Auslegung ist ein entleertes Relikt der Metaphysik in der Moderne. Dieses Relikt zu verabschieden, führt auf keinen Relativismus im Sinn der Beliebigkeit. Es führt auf eine offene geschichtliche Folge von Auslegungen und Transformationen der Lebenswelt durch die Wissenschaft, die Kunst und die Philosophie. Diese Auslegungen stehen in keiner Teleologie, diese Geschichte läuft nicht auf die eine Wahrheit hin, die wir zwar jetzt nicht hätten, der wir uns aber endlos annähern würden. In dem Moment, in dem Merleau-Ponty anerkennt, dass die Wahrheit selbst geschichtlich ist, dass wir immer perspektivisch in einer geschichtlichen Situation stehen, öffnet sich auf eine neue Weise die Andersheit des Anderen, erscheinen weltlich und geschichtlich Andere, mit denen wir in einer Artikulation stehen. Reicht also die Spur, die Merleau-Ponty von seinerersten Arbeit, Die Struktur des Verhaltens, 1942 bis zu seiner letzten Arbeit, Das Auge und der Geist, 1961 zieht, bis in unsere Gegenwart? Das würde sie, wenn ihr nicht ein wesentlicher Zug der Moderne noch fehlte: die Wendung in einen erweiterten Sprachbegriff. Die Sprache ist bei Merleau-Ponty zwar kein Instrument des Ausdrucks mehr, die Sprache ist Medium der Konstitution, aber die Sprache ist auf die Wortsprache beschränkt.
1948|49 erweitern Shannon und Wiener den Begriff der Kommunikation, bestimmen das Feld der Physik als ein System von Information und beschreiben dieses System in Anlehnung an Jakobsonsstrukturale Sprachanalyse durch Verhältnisse von ›message‹ und ›code‹. In der Biologie wird zur selben Zeit die Rede von Informationsprozessen in der Zelle geläufig. Im nächsten Schritt macht die Reflexion auf die ›Entzifferung des DNS-Codes‹ (Watson|Crick 1953) deutlich, dass das Feld der Molekularbiologie als eine Sprachstruktur verstanden wird, als eine Syntax für sich bedeutungsloser Elemente, aus deren Kombinationen Bedeutung entsteht.
Um 1945|50 bilden Lévi-Strauss für die Ethnologie und Lacan für die Psychoanalyse ihre Methoden nach dem Modell der strukturalistischen Sprachwissenschaft; sie gehen davon aus, dass ihre Untersuchungsfelder jeweils strukturiert sind wie eine Sprache. Im nächsten Schritt der Reflexion werden dieselben Felder jeweils als eine Sprache verstanden, als eine Syntax für sich bedeutungsloser Elemente, aus deren Kombinationen Bedeutung entsteht. Der erweiterte Sprachbegriff, der darin aufscheint, wird im Strukturalismus der 60er und 70er Jahre zum tragenden Paradigma aller Kulturwissenschaften. Der Blick auf dieses Feld zeigt, dass in Merleau-Pontys Öffnungeinerseits der ›semiotic turn‹ (noch) nicht vollzogen ist, und dass andererseits die freigesetzte Semiotik (noch) an ungeschichtliche Denkweisen oder an den Entwurf geschlossener Systeme gebunden ist. Beide Bewegungen bringt Derrida in ihrer Dynamik zusammen. Er denkt die produktive Eröffnung der Welt, der Dinge, des Ich und des Anderen als différance — als die Bewegung des Differierens, als das Aufspannen von Differenzen, Zeit-Werden des Raums und Raum-Werden der Zeit — und die différancedenkt er als ›Schrift‹. Merleau-Portys Gewebe wird damit zur Textur der Welt.
Wo die Gebiete der Wissenschaften und Künste in diesem erweiterten Sinn als sprachliche Strukturen und als heterogene offene Systeme gefasst werden, da bilden sich Fragen und Orte, an denen Wissenschaft, Philosophie und Kunst in ihrer Verschiedenheit zusammentreffen können.
Über diesen Beitrag
Sie lesen gerade
““Philosophie des 20. Jahrhunderts” von Dr. Stefan Winter,”
ein Beitrag auf well…come 21
- Veröffentlicht:
- 6:02 PM / 6:02 PM
- Kategorie:
- Vorträge des Zusammentreffen I
