“Internet — ein ›quantisches‹ Medium?” von Prof. Uli Plank

Fotos des Zusammentreffen I

(Protokoll des frei gehaltenen Vortrages)

Guten Abend. Ich werde entgegen meiner üblichen Gewohnheit diesen Vortrag nicht ganz frei halten. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich mich als Künstler eben auf ein bisschen unbekanntes Terrain begebe, — und da wo ich so richtig zu Hause bin, dann doch frei sprechen könnte. Der Titel schon »Internet — ein quantisches Medium?« sagt das aus, das ich mich hier auf unbekanntes Terrain begebe, und der Titel war vielleicht auch noch ein bisschen provisorisch zu der Zeit. Jetzt könnte ich genauso gut darüber schreiben »Evolution und Netz«,— irgendwo dazwischen wird es sich bewegen. Wie gesagt, ich bin kein Physiker und ich sehe mich da auch nicht in der Lage einen strengen quantenphysikalischen Begriffsapparat auf das Phänomen Internet anzuwenden. In meinem Vortrag soll es mir darum gehen, die Rolle des Internet als Kommunikationsinstrument und Wissensspeicher zu beleuchten. Dabei gibt es meines Erachtens zumindest interessante Parallelen zu quantenphysikalischen Effekten, wie der Nichtlinearität, also der Aufhebung veralteter Theorien des Mechanismus Ursache-Wirkung.
Andererseits können wir Beobachtungen machen, die eher von lebenden Systemen bekannt sind, — wie Selbstorganisation, Emergenz oder das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Es erscheint mir daher geraten, erst einmal vom gängigen Evolutionsbegriff auszugehen und ihn auch zu problematisieren und das wird mir natürlich dann auch zu einem kleinen Umweg erst mal geraten. Der klassische Evolutionsbegriff seit Darwin geht von einem allmählichen Prozess über Jahrmillionen aus, indem der blinde Zufall zur Entstehung von Lebewesen bis hin zu bewusst denkenden Exemplaren geführt hat. Schon Einstein behauptete dagegen »Gott würfelt nicht!« , wenn auch in etwas anderem Zusammenhang. Moderne Computersimulationen scheinen, — je nach gewähltem Ansatz —, zu beweisen, dass die rein zufällige Entstehung von Leben der unwahrscheinlichste aller Zufälle wäre. Dabei wird das Wichtigste leicht übersehen, nämlich dass lebende Systeme ganz anderen Regeln unterliegen, als tote Materie. Dazu gehören vor allem Rückkoppelungseffekte, die es zwar bei unbelebter Materie auch gibt, die aber in lebenden Systemen eher die Regel, als die Ausnahme sind. Es gibt offensichtlich andere bzw. zusätzliche Naturgesetze für lebende Systeme. Wie wäre es sonst zu erklären , dass der erwartete Endzustand toter Materie, aufgrund des zweiten Hauptsatzes der Wärmelehre, die gleichmäßige Verteilung der Energie den Kältetod des Universums voraussagt, — während lebende Systeme zu immer höherer Komplexität und Ordnung zu führen scheinen. Welches Gesetz ist dann letztlich das stärkere im Universum? Gleichzeitig dämmert uns aber bei der Untersuchung anderer Planeten, dass möglicherweise die Entstehung von Leben unter den geeigneten Umständen, fast schon zwangsläufig ist. Ein fundamentaler Irrtum ist auch, die romantische Vorstellung, dass es jemals ein stabiles Gleichgewicht in der Natur gegeben habe, das nun vom Menschen in Unordnung gebracht werde. Das Leben war in seiner gesamten Entwicklung ein Umweltveränderer größten Ausmaßes. In einer Erdatmosphäre mit etwas 20% Sauerstoff, wie wir sie heute haben, hätten die meisten Lebewesen der Frühzeit kaum überleben können. Das umgekehrte gilt natürlich auch für eine Atmosphäre, die aus Schwefeldioxid und Ammoniak bestand. Die gesamte Oberfläche der Erde, auch wenn man die heutigen Lebewesen wegdenkt, sähe ohne die Auswirkungen der Biosphäre, völlig anders aus, — bis hin zu ihrer chemischen Zusammensetzung. Damit will ich nun keineswegs unsere Rücksichtslosigkeit im Umgang mit dem Planeten entschuldigen, sondern vielmehr Verantwortungsbewusstsein anmahnen, schon aus reinem Selbstschutz müssen wir mehr darauf achten, was wir tun. Vermutlich würde die Evolution auch unsere wüstesten Entgleisungen verkraften, denn es gibt etliche Lebewesen auf der Erde, die sich sehr massiven Vergiftungen und selbst nach erhöhter Radioaktivität anpassen können.
Aber mit Sicherheit würden wir in den weiteren Akten auf dieser Bühne nicht mehr mitspielen, denn wir selbst gehören mit zu den Obersensibelchen unter den potenziellen Opfern. Doch eins unterscheidet uns von allen anderen Umweltzerstörern vor uns, wir können, — zumindest in gewissen Grenzen —, über die von uns bewirkten Veränderungen nachdenken. Es ist das bewusste Denken, das uns befähigt hat in einer kürzeren Zeit, — als alle Produkte der Evolution vor uns —, die Oberfläche des Planeten völlig zu verändern.
Nur das bewusste Denken versetzt uns zusätzlich in die Lage unsere weiteren Handlungen gelegentlich kritisch zu überprüfen. So war es schon bei der Nutzung der Atomenergie und so wird das wohl auch bei der Gentechnik sein. Eine der größten Errungenschaften der Zivilisation ist es, auch den Menschen eine Überlebenschance zu geben, die von einer natürlichen Umgebung erbarmungslos eliminiert und damit auch an der Weitergabe genetischer Defekte gehindert worden wären. Das wir sie leben lassen, ist nicht nur purer Humanismus, sondern auch durchaus nützlich. Ohne die Anstrengung zahlreicher Mitmenschen und eine hoch entwickelte Technologie könnte z.B. Steven Hawking seinen hervorragenden Beitrag zur heutigen Erkenntnis des Universums nicht leisten. Aber gleichzeitig haben wir für uns alle die Mechanismen der natürlichen Zuchtwahl, wenn es die je in dieser Ausschließlichkeit gegeben hat, wir haben darüber vorhin schon gehört, weitgehend abgeschafft, so dass wir ohne bewusste Eingriffe in zukünftigen Generationen biologisch zunehmend Defekte ansammeln müssten. Das ist aber sicherlich kein sehr schneller Effekt, besonders nicht in Zeiten eines globalen Genpools und die Anwendung der Gentechnik auf uns selbst oder anderes hat im Gegensatz zu anderen Problemen sicher keine große Eile, vor allem solange wir dort völlig im Nebel stochern! Wie wir heute morgen gehört haben, haben die Biochemiker nur ein Bruchteil der Phänomene, die Leben ausmachen, bisher verstanden. Das war hier ein kleiner Ausflug in die Anwendung von Technologien.

Ein Moratorium scheint deswegen hier sogar angebracht, aber irgendwann werden wir die Verantwortung dafür übernehmen müssen, uns selbst neu zu erfinden. Darum geht es mir mit dieser Argumentationskette.
Der erste Mensch, der ein Werkzeug herstellte und benutzte, hat uns alle zum Fortschritt verdammt. Der russische Wissenschaftler Vladimir Vernadskij und der Forscher und Theologe Pierre Teilhard de Chardin haben bereits Anfang des letzten Jahrhunderts versucht mit einer radikalen These die neuen Erkenntnisse der Physik und Biologie in einem veränderten Evolutionsbegriff aufzugreifen. Mit dem Begriff der Noosphäre, nicht etwas noosphere, das ist nicht englisch, sondern eben aus dem griechischen, wird versucht, das Erwachen von Bewusstsein als einen weiteren Schritt der Evolution zu definieren, der als Entwicklungssprung über die Bildung einer Biosphäre hinaus betrachtet werden kann.
Nicht wir sechs Milliarden Menschen leben auf der Erde, sondern der Planet kleidet sich mit einer Schicht von bewusstem Denken ein und verändert sich dadurch grundlegend. Das ist kein neuer Anthropozentrismus, denn als Träger des Geistes sind wir letztlich austauschbar und werden im weiteren Verlauf der Evolution sicherlich entweder auch ausgetauscht oder völlig verändert.
Dabei arbeitet insbesondere de Chardin einen Aspekt heraus, den er für den wesentlichen Entwicklungssprung hält, den Übergang von der Divergenz zur Konvergenz. Die gesamte biologische Evolution hat bis heute einen unvorstellbaren Artenreichtum hervorgebracht, von denen viele hochspezialisiert sind und nur in ganz bestimmten ökologischen Nischen leben können. Die menschliche Evolution dagegen strebe zur Einheit, Globalisierung als notwendige Folge des Denkens. Auch hierin sehe ich wieder keine Entschuldigung für Grausamkeit. In diesem Zusammenhang ist die Grafik, die wir heute morgen gesehen haben ganz interessant, sie erinnern sich vielleicht, wo die zwei Linien letztlich zunehmend auseinander strebten, — hier vertritt de Chardin eine andere Position, er geht da von einer Umkehrung in die Konvergenz aus. Für de Chardin ist der Begriff der Noosphäre dort gegeben, wo Information erstmalig nicht mehr allein genetisch weitergegeben wurde und so aus der Erfahrung gewonnenes Wissen, das Individuum als Träger der Information überleben konnte. Der evolutionäre Sprung besteht allein schon darin, dass genetische Informationen um ein vielfaches langsamer etabliert werden. Bis sich in einer Population eine Umwelterfahrung genetisch verankert, dauert es viele, bei komplexen Lebewesen tausende von Generationen, bis das zementiert ist und weitergegeben werden kann. Schon bei hoch entwickelten Tieren gibt es dagegen das Lernen durch Nachahmung. Vögel lernen das Fliegen von ihren Eltern, genauso wie die Katzen das Jagen. Das relativ simple Sozialsystem lässt solche Informationen aber unter ungünstigen Bedingungen schon in einer Generation wieder verloren gehen.
Die Entwicklung der Sprache war der nächste Schritt — und selbst diese haben wir vermutlich mit Tieren, wie den Walen oder Delfinen gemeinsam. Schon damit waren Völker ohne Schrift in der Lage wichtige Informationen durch ein hoch kodifiziertes System über etliche Generationen zu bewahren. Aber das ging dann eben auch nur mit sehr strengen Kodizes, da der einzelne keine große kreative Freiheit einbringen durfte in diese orale Überlieferung.
Die Schrift und erst recht geeignete Träger zu ihrer schnellen Verbreitung, wie der Buchdruck jedoch, lösten geradezu eine Explosion des Wissens aus. Zitat de Chardin:
»Denn, so frage ich sie, welches Chromosomensystem wäre wohl in der Lage die unermessliche Menge von Wahrheiten und organisiertem technischem Können, — in denen das Erbe der Menschheit sich immer mehr anhäuft —, ebenso unbegrenzt zu speichern und ebenso unfehlbar zu bewahren, wie unser Erziehungsapparat? « Na ja, der Autor kannte die PISA-Studie noch nicht. Weiteres Zitat de Chardin:
»Hinausverlegung, Bereicherung, - halten Sie diese beiden Punkte fest, wir werden sie, und zwar genauso, bei der Maschine wieder finden. « Nehmen Sie den Fall der Lokomotive, des Dynamos, des Flugzeugs,
des Films, des Radios.« de Chardin ist 1955 gestorben, also diese Technologien waren ihm natürlich geläufig. »Nehmen Sie, was Sie wollen.« Aber der Computer befand sich zu dieser Zeit natürlich noch im Entstehungszustand. »Ist es nicht evident, dass diese mannigfachen Apparate nacheinander und durch Einwurzelung in einem vorher gehenden, mechanischem Weltzustand, solidarisch entstehen und sich entwickeln. Schon seit langem gibt es keine allein stehenden
Erfinder oder Maschinen mehr. Vielmehr wird immer mehr, jede Maschine nur in Funktion aller anderen Maschinen der Erde hervorgebracht. Und immer mehr streben alle Maschinen der Erde insgesamt dahin, eine einzige, große, organisierte Maschine zu bilden. Wer ist der Träger, der erfinderische Kern dieses unermesslichen Apparates? Wenn nicht eben der denkende Herd der Noosphäre.«

Da stellt sich dann die Frage, wo ist dieser Herd? Dieser Begriff, den er hier benutzt, versucht ja eben zu vermeiden von einem Individuum oder einer Gruppe zu sprechen. Wo ist hier die Zentrale? Ein Ameisenhaufen verhält sich äußerst anpassungsfähig und intelligent, die einzelne Ameise dagegen ist ein recht einfach gebautes Tier mit einem sehr begrenzten Verhaltensrepertoire. Wo sitzt die Intelligenz des Haufens? Die Königin? Wohl kaum, das ist ein falsch verwendeter Name. Sie ist nur eine Ameise mit einer einzigen hoch spezialisierten Funktion, — der des endlosen Eierlegens. Welche von den im Grunde einfach strukturierten Zellen in unserem Gehirn ist es, die gerade denkt: »Ich bin« ? Oder in meinem Fall »Ich rede.« Wir wissen nur, das haben wir vorhin gehört, dass das Bewusstsein wohl in der linken Hemisphäre sitzt. Aber wir können keine Zelle, nicht einmal eine Gruppe von Zellen identifizieren, die eben diese Zentrale ausmacht. Wo sitzt die Zentrale eines hoch vernetzten Systems?
In einem Vogelschwarm z.B. kann sich eine Richtungsänderung schneller fortpflanzen, das gilt für viele Schwärme, Fischschwärme ganz ähnlich, als es der nachweisbaren Reaktionsgeschwindigkeit eines einzelnen Vogels entspricht. Wer kommuniziert hier also in welcher Reihenfolge mit wem?

Frühere elektrische Medien, wie Telegraph, Telefon und selbst Fernsehen und Radio waren durch wenige, eindeutig identifizierbare Zentren bestimmt. Das war ihre Schwäche, im Falle eines Krieges kann man relativ schnell die gesamte Kommunikation ausschalten, indem man diese Zentralen vernichtet. Das Internet wurde entwickelt, um im Fall eines vernichtenden Krieges die Aufrechterhaltung hierarchischer Befehlstrukturen zu sichern. Technisch wurde dies jedoch erreicht durch den Verzicht auf jegliche zentrale Kontrollinstanz. Und das geht nur durch Selbstorganisation. Wenn ein Kommunikationspfad ausfällt, wird jeder Knoten selbsttätig eine andere Verbindung ohne irgendeine Zentrale fragen zu müssen oder vielleicht auch zu können. Eigentlich eine große Ironie der Technikgeschichte. Das Internet unterminiert Zensur und es unterläuft einseitig hierarchisierte Kommunikationsstrukturen. Kein Staat kann sich dem noch entziehen, es sei denn um den Preis einer Abkoppelung vom Wissensfortschritt der Menschheit. Diejenigen, die bei dem Gespräch über das Mediendesign am letzten Montag waren, haben vielleicht eine der Untersuchungen dort zitiert gehört. Wer sich dafür interessiert, es gibt eine ziemlich interessante Untersuchung hier aus Braunschweig über die Versuche Chinas das Internet zu zensieren. Es beweist die weitgehende Wirkungslosigkeit dieser Versuche. Netze haben sehr paradoxe Eigenschaften, sie gehorchen den Gesetzen der Chaostheorie, wenn durch die schnelle Verbindung zahlloser Einflussgrößen, ein winziges Ereignis zu enormen Wirkungen führt.

Wie z.B. in der inzwischen sehr virtuellen Welt der Börse. Sie schaffen aber auch Ordnung im Chaos: einmal als erfolgreich gefundene Strukturen werden von allen neuen Teilnehmern nachgeahmt, — das Prinzip der Selbstähnlichkeit. Von der Entwicklung der Sprache über die Schrift, dem Buchdruck, den Telegraphen, das Radio zum Internet.
Jeder Schritt machte die Noosphäre unabhängiger vom Individuum und dessen Wissen und Erfahrungen, — bis hin zu nahezu augenblicklichen planetenweiten Vernetzung von Wissen. Wir sollten deshalb versuchen, die Eigenschaften komplexer Netze etwas genauer zu betrachten.

Einige Stichworte:
Nichtlinearität. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Warum tendiert Leben zur Komplexität? Eine Nervenzelle im Gehirn kann jede andere Zelle über maximal vier Umschaltungen erreichen.
Ich hoffe sie müssen mich da nicht korrigieren. Das Denken im Gehirn hat keinen Ort, das Netz keine Zentrale. Ich zähle im folgenden einige Netzgesetze auf oder Regeln und versuche sie zu erläutern oder bildhaft zu machen.

Komplexität: Netze bestehen aus sehr vielen Einheiten, Knoten, die unablässig untereinander agieren und reagieren, auf Impulse von außen antworten, aufgrund dieser Verflechtung nicht einzelne Zellen, sondern ganze Ensembles. Dadurch lässt sich das Verhalten von außen kaum voraussagen und erst recht nicht kontrollieren. Das Verhalten des Internet als Ganzes ist schon fast so unberechenbar wie das Wetter. Der Versuch hochkomplexe Systeme per Detail zu steuern kann sehr leicht das Gegenteil des Beabsichtigten bewirken. Ein klassisches Beispiel wären viele Irrtümer der Entwicklungshilfe. Unser eigenes Gehirn als vernetztes System beweist andererseits, dass Netze höchst anpassungsfähig sind. Ohne das unsere Biologie sich nennenswert verändert hätte, bewältigen wir damit Aufgaben, für die die Evolution unser Gehirn nicht programmiert haben kann. Was wusste der Australopithecus vom Autofahren, der Bedienung eines Handys oder gar von der ultimativen Herausforderung: der Programmierung eines Videorekorders?

Nichtlinearität, ein weiteres Stichwort: Unter den vielfältig verkoppelten Wechselwirkungen in einem Netz befinden sich auch Rückkoppelungen, dadurch ist das klassisch mechanistische Prinzip von Ursache und Wirkung als proportionale energetische Reaktion aufgehoben. Übrigens ist die Energierelation eines der beliebtesten Argumente konventioneller Wissenschaft, sehr konventioneller Wissenschaft, wie wir heute hier gesehen haben, gegen die Existenz psychophysischer Effekte. Nur weil wir zum senden mit Maschinen auf größerer Entfernung auch mehr Leistung brauchen, traut man unserem Gehirn mit seinen sehr schwachen Strömen das gleiche nicht zu. In komplex vernetzten Systemen kann eine kleine Ursache große Wirkung haben und umgekehrt. Einerseits kann ein Netz enorme Belastungen abfedern, wie z.B. die Zerstörung zahlreicher Knoten, vom Ameisenhaufen bis hin zum Internet, andererseits ist es typisch für vernetzte Systeme, dass sie sprunghafte Entwicklungen durchmachen. Nach über 20 Jahren Nutzung durch einen kleinen wissenschaftlichen Anwenderkreis hat sich das Internet Anfang der 90er sprunghaft im Bewusstsein der Allgemeinheit etabliert. Und wächst heute noch mit der Geschwindigkeit einer Explosion in Zeitlupe. Was hat diesen Schmetterlingseffekt ausgelöst? Nur eine neue Bedienoberfläche? Warum dann nicht schon vorher? Technisch wäre sie möglich gewesen. Oder die bunten Sexbildchen, wie manche behaupten? Na ja, Porno ist in Hochglanzmagazinen wahrscheinlich immer noch reizvoller. Warum gab es überhaupt Fax, wenn E-Mail technisch sinnvoller ist? Wir haben es offensichtlich mit Rückkoppelungen zu tun. Das Faxen wurde z.B. anfangs nur von wenigen genutzt. Die Geräte waren teuer und der Verkauf dümpelte so vor sich hin. Weil es nur wenige Kommunikationspartner gab, war es nicht attraktiv dazuzugehören und der Zuwachs blieb langsam. 1987 aber wurde der Punkt erreicht, an dem es plötzlich nützlicher war, dazuzugehören als draußen zu bleiben. Mit jedem neuen Teilnehmer als potenziellen Kommunikationspartner wurde es attraktiver, denn die Zahl der möglichen Verbindungen potenziert sich. Der Effekt wurde durch Massenproduktion verstärkt, die die Gerätepreise erheblich senkte. In kürzester Zeit wurde faxen zum Massenphänomen.

Nächstes Stichwort: Emergenz, mal ein bisschen anders ausgedrückt: Mehr ist anders. Ein Netz insgesamt ist zu wesentlich komplexeren Leistungen in der Lage als irgendeines seiner Teile. Diese Leistungen sind nicht nur quantitativ anders, sondern können hier völlig neue Fähigkeiten darstellen. Denken wir noch einmal an den Ameisenhaufen als Vertreter einer der erfolgreichsten Lebensformen auf dem Planeten, — vielleicht die erfolgreichste neben uns, wenn man mal von den Mikroorganismen absieht. Ähnlich wie der Mensch haben sie fast jeden Lebensraum erobert und ihre gesamte Biomasse ist ungefähr mit der der ganzen Menschheit vergleichbar.

Der Insektenforscher und Naturphilosoph William Morton Wheeler beschrieb schon 1911 die Ameisenkolonie als einen Organismus, als eine Einheit. Zitat: »Die ihre Identität im Raum bewahrt und sich dem Zerfall widersetzt, weder ein Ding noch ein Begriff, sondern ein kontinuierlicher Strom oder Prozess ist.« Stabile Identität und Stoffwechsel sind die Merkmale eines Lebewesens. Ameisen betreiben Pflege des Nachwuchses als soziale Aufgabe: die Arbeiterinnen sind bekanntlich unfruchtbar und kennen Formen von Landwirtschaft und Viehzucht, nämlich Pilze und Blattläuse. All das, ohne ein, — auch bei noch so sorgfältiger Suche —, auffindbares Zentralorgan. Doch sind diese Fähigkeiten nicht von vornherein besser oder schlechter oder gut oder böse, ein solcher Superorganismus ist kein höheres sondern erst einmal nur ein effektiveres Wesen. Ameisen kennen, genau wie wir, sowohl Methoden zur Vermeidung von Kriegen als auch gnadenlose Vernichtungsfeldzüge. Oder sind sie etwa beleidigt, wenn ich ihr Gehirn mit einem Haufen kurzlebiger Ameisen vergleiche? Denken sie daran, dass ihr Körper alle lebenden Zellen in mehr oder weniger kurzen Zeiträumen ersetzt, die Magenschleimhaut beispielsweise schon alle 5 Tage. Sie sind nicht mehr der oder dieselbe wie bei ihrer Geburt. Der allergrößte Teil ihrer Atome wurde vielfach ausgetauscht, nur die unbelebtesten mineralischen Teile, wie Zähne oder Knochen könnten noch zu einem ganz geringen Teil »identisch« sein. Alles, was Sie zusammen hält ist Information.
Nächstes Stichwort: Netze reagieren flexibler. Vermutlich der fundamentale Irrtum des Kommunismus, er könnte auch bei weiterer Machtkonzentration zu eine Irrtum des Kapitalismus werden. Eine Wirtschaft mit Zentrale ist offensichtlich weniger erfolgreich als eine ganz ohne Zentrale. Netze können auf Anforderungen reagieren, die keines ihrer einzelnen Mitglieder erkennen und beantworten kann. Ein Beispiel bei unserem Körper, er funktioniert am besten bei 37 ° und ist dabei unter den verschiedensten Bedingungen sehr anpassungsfähig und doch präzise. Aber wir werden, trotz sorgfältiger Suche, nirgendwo das organische Gegenstück eines geeichten Thermometers entdecken. Die Information steckt offensichtlich im System, nicht in einem einzelnen Organ. Das System reorganisiert sich zudem unter verschiedenen Außeneinflüssen. Was ein Eskimo als heiß empfindet, wird einen Tropenbewohner nach einem warmen Pullover suchen lassen. Allerdings auch nicht auf Dauer. Jeder Versuch ein Netz mit starren Regeln einer zentrale Kontrolle zu unterwerfen, zerstört diese Adaptivität und Lernfähigkeit. Netze organisieren sich selbst, die einzelnen Akteure eines Netzes müssen nur relativ simple Regeln beherrschen um insgesamt höchst komplexe Muster formen zu können. Das wollte ich Ihnen eigentlich auch visuell zeigen, das können wir dann nachher machen, wenn ich Ihnen Rede und Antwort stehe.

Also ich wollte ihnen hier Grafiken zeigen, wo der Computer hier ständig Zufallszahlen auf der Grundlage einfacher Impulse erzeugt, in diesem Fall Musikimpulse. Diejenigen, die Technopartys mitmachen, kennen solche Geräte. Früher hat man das mit Öl, Wasser und ein bisschen Farbe gemacht. Im Prinzip dasselbe, — wendet aber ein relativ simples Regelsystem an, oder im anderen Fall physikalische Funktionen, um festzulegen, welche Zufallsergebnisse wie dargestellt werden. Das Ergebnis ist ein Muster, dass sich nie wiederholt, aber doch immer irgendwie ähnlich wirkt. Dieses Prinzip finden sie in der gesamten Natur. Sie werden keine zwei im Detail identischen Lindenbäume finden, aber doch immer erkennen können, dass es sich um eine Linde handelt, — wenn sie wissen wie Linden aussehen. Dies gilt aber auch für die vom Menschen erzeugten Netze. Schauen sie sich Wegesysteme an in menschlichen Ansiedlungen, — jedenfalls denen, die nicht auf dem Reisbrett entstanden. Weltweit finden sie größere Hauptstränge und kleinere Nebenstrassen. Weltweit sind die häufigsten Abzweigungen dreiarmig, nicht etwa die vierarmigen Kreuzungen unter dem Diktat des rechten Winkels, auch fünfarmige sind eher selten. Das Netz, das sich spontan herausgebildet hat, ist jeweils ein Kompromiss zwischen der bequemsten Verbindung jedes Punktes mit jedem anderen, auf kürzestem Wege, und der kostensparendsten Verbindung ganz weniger ausgesuchter Punkte. Manche, dieser spontan entstandenen Wege sind erstaunlich langlebig. Im rechtwinkelig geplanten New York stört »eigentlich nur der Broadway « . Er folgt einem alten Fußpfad indianischer Jäger.

Netze befinden sich ständig am Rande des Chaos. Ein lebendiges Netz befindet sich ständig in einem Fliessgleichgewicht, nur so kann es sich Äußeren Veränderungen anpassen. Wenn man versucht einen Zustand zu konservieren, führt das zur Erstarrung und schließlich Auflösung oder zu einer äußerst instabilen Situation, die sich durch den kleinsten Anstoß völlig unerwartet auflösen kann. Denken sie an ein berühmtes Picknick an der ungarischen Grenze, das letztlich zur Auflösung des Ostblocks führte. Wenn Rückkoppelungsschleifen zu schnell oder zu intensiv reagieren schwingt dieses Gleichgewicht ständig wild hin und her. Wenn sie zu langsam reagieren, wie manche unserer staatlichen Institutionen, laufen sie dem optimalen Gleichgewicht ständig hinterher. Denken sie an den Bedarf an Kunstpädagogen oder Medienwissenschaftlern. Da kann es helfen sich antizyklisch zu verhalten. Das Gleichgewicht eines funktionierenden Netzes oszilliert ständig um den energetisch optimalen Wert, es behält ihn aber nie bei. Wir haben heute morgen die Kurve der Wasserflöhe bei Herrn Popp gesehen.

Robustheit: ein Netz ist hochgradig redundant, da sich viele, aber durchaus nicht alle Knoten, gleichen. Es kann viele kleine Katastrophen zulassen und verkraften, um die eine große Katastrophe zu verhindern, den eigenen Zusammenbruch. Sie dienen sogar der Verbesserung des Netzes. Ein Beispiel wären alle Versuche zur Waldbrandkontrolle: Vor 30, 40 Jahren galt es als eine Errungenschaft seine Wälder zu schützen indem man überall Feuerbeobachtungsstationen hatte, Löschflugzeuge und hochtechnische Geräte, um jeden Waldbrand möglichst im Keim zu ersticken. Man stellte dann aber irgendwann fest, dass man zwar viele kleine Schlachte gewinnen konnte, aber den Krieg verloren hat. Es ist offensichtlich so, in Australien zeigt es sich besonders deutlich, dass Wälder als Ökosystem, - und sie sind ja eines der klassischen Beispiele für ökologische Netze -, in Zonen die längere Trockenphasen durchmachen, Brände brauchen. Aber chaotisch verteilte, kleine, unregelmäßige Brände, damit niemals genug Futter an altem, trockenem ausgedörrtem, nicht mehr lebendem Material da ist, das den großen, verheerenden Brand dann überhaupt erst möglich macht. In Australien hat man das von den Aborigines gelernt, die Jahrtausende lang Waldbrände bewusst angezündet haben, nach einem komplexen, rituellen Muster, - und als man merkte, dass man mit der großflächigen Waldbrandbekämpfung nichts ausrichten konnte, fing man an diese alten Muster wieder auszukramen und nachzuahmen.

Nächstes Stichwort: Symbiosen. Die einzelnen Knoten eines Netzes müssen keineswegs gleichförmig sein, das sind sie noch nicht einmal im Ameisenhaufen. Viele Verknüpfungen in Netzen beruhen auf Symbiose, auf der Verbindung unterschiedlicher Elemente mit unterschiedlichen Fähigkeiten zum gegenseitigen Nutzen. Die moderne Biologie beginnt zu erkennen, dass es auch in der Natur viel mehr Symbiosen gibt als bisher erkannt und, dass man sich von dem früher alles beherrschenden Erklärungsprinzip des reinen Verdrängungswettbewerbs verabschieden sollte. Dabei muss nicht einmal jeder Partner in gleichem Maße profitieren, es genügt, wenn beide überhaupt besser dran sind als allein. Auch dies sollte nicht etwa im Sinne einer Rechtfertigung für Ausbeutung verstanden werden. Schmarotzer profitieren nur so lange bis sie das System ruiniert oder es sich ihrer entledigt.
Man kann das Internet durchaus als eine Form der symbiotischen Kooperationen von Menschen und Maschinen verstehen. Die Menschen — meistens — sind kreativer, sie sind besser zur Produktion neuer Ideen und gedanklicher Verknüpfungen imstande. Die Rechner dagegen — meistens — zuverlässiger in Speicherung und schnelleren Übertragung von Informationen. Sehr sinnvoll ist dabei, dass durch den Computer erstmals die Art des grundlegenden Codes völlig vom potenziellen Inhalt getrennt wurde. Ohne die Interpretationsregeln zu besitzen, können sie auf keine Weise feststellen, ob es sich bei den Informationen auf einer CD oder im Netz um Text, Ton oder Bild handelt. Bei einer Schallplatte, einer klassischen, analogen Schallplatte könnten sie vielleicht auf der Grundlage der analogen Tonabbildung eventuell noch auf den Zweck des Codes unmittelbar schließen. Der Vorteil im Netz ist, dass die physische Konstitution des Netzes nicht geändert werden muss, um neue Darstellungsformen zu integrieren. Der Übergang vom Text zum bewegten Videobild
erfordert mehr Computerleistung, mehr Bandbreite aber kein neues Netzkonzept. Anders als bei Druck, Radio und Fernsehen.

Dann stellt sich natürlich die Frage bei dieser Symbiose, worin liegt der Nutzen? Dass der Mensch das Netz erst einmal erhält als Straßensystem ist klar, aber welchen Nutzen haben die Menschen gegenseitig voneinander im Netz. Ich selbst habe vor kurzem ein Buch geschrieben bei dem ich über ein Thema schrieb über das es einfach noch keine Literatur gab. Ich konnte mit Literaturrecherche nicht weit kommen. Ich konnte einiges durch eigene Recherche, eigene Experimente herausfinden, aber natürlich war es nicht sinnvoll, das Rad alleine zu erfinden. Also war das Internet meine einzige Recherchequelle, und die ergiebigste Recherchequelle waren dabei Diskussionslisten von Fachleuten auf diesem Gebiet, die mühselig eigene Informationen sich erworben hatten. In welcher Münze kann man in solchen Diskussionsgruppen bezahlen? Letztlich von Informationen, die man austauscht, man muss selbst ein paar nützliche Erkenntnisse hineingeben, damit man auch auf Dauer von anderen nützliche Informationen erhält. Andere spüren es erstaunlich schnell, wenn man nur saugt und niemals etwas hinein tut. Die Regel heißt also: füttere das Netz und es wird dich ernähren. Unter Umständen ist es durchaus so, dass Information damit auch die herkömmlichen Formen materiellen Austausches ersetzen kann. Das Geld heute sowieso schon größtenteils virtuell ist, dürfte glaube ich bekannt sein. Der größte Teil der weltweiten Kapitalströme besteht nur noch aus Daten, nur noch aus Information. Die Frage ist, ob also nicht Information selbst zur Währung werden könnte in diesem Austausch. Da hängt die ganze Copyrightdiskussion daran, die wir im Moment erleben.

Ein weiterer Punkt ist die Diversität im Netz. Dazu möchte ich direkt zitieren aus »Web of Life« von Michael Gleich, von dem ich auch sonst sehr viel gesaugt habe in diesem Fall. »Im Binnenverhältnis entwickeln Netze vielfältige Methoden um Unterschiede zwischen den Knoten zu nivellieren. Aggression gegen Andersartige gibt es im menschlichen wie in tierischen Gesellschaften. Bei Säugern beispielsweise fungieren Gerüche, akustische Signale und visuelle Codes als Konformitätsverstärker. Bei Menschen reicht manchmal die falsche Haarfarbe um geächtet zu werden. Viele dieser Faktoren scheiden im Netz aus, weil sie uns nicht unmittelbar mitgeteilt werden, weil das Netz sie nicht mit als Information überträgt. Aber dieser permanente Anpassungsdruck ist ein Beleg dafür, dass Vernetzungen nicht grundsätzlich eine kuschelige Angelegenheit ist. Und das wiederum ist vielleicht eine schlechte Nachricht für Esoteriker, die allein aus der Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist, Hoffnungen für den ewigen Weltfrieden ableiten, — oder ganzheitliches Denken mit der Gründung einer globalen Wohngemeinschaft verwechseln.
Der Biologe Howard Bloom meint: »Von einem kollektiven Gehirn zu sprechen mag warm und verschwommen nach New Age klingen, aber einige der Kräfte, die es verknoten, sind weit weniger liebevoll, wie wir es uns vielleicht vorstellen.« Netze verhalten sich insofern paradox, als sie um Vielfalt und gleichzeitig um Einheit ringen. Neugier, Wachstum, Entdeckung und Grenzüberschreitung erzeugen die Dynamik und Diversität, die sie lernfähig halten. Andererseits streben sie nach Stabilität, weshalb sie eine Toleranzspanne für Abweichungen festlegen und alles bekämpfen was darüber hinaus geht. Die derzeit wichtigste Frage, in diesem Zusammenhang, ist sicherlich welche der beiden Kräfte sich in kultureller und sozialer Globalisierung durchsetzen wird. Form als abgegrenzte Gesellschaften vernetzen sich im planetaren Maßstab. So wie die in der Eiszeit isolierten Inseln des Tropenwaldes später wieder zusammenwuchsen. Wird uns in Zukunft im gemeinsamen Haus Erde ein vielfältiges Menü der Mentalitäten serviert oder nur noch ein kultureller Einheitsbrei aufgetischt? Wie groß ist die Spanne innerhalb derer die internationale Weltgemeinschaft toleriert? Im Gegensatz nochmals und höchst optimistisch de Chardin: »Hier denke ich natürlich in erster Linie an das außerordentliche radiophonische und televisionelle Nachrichtennetz« , das ist 1947 geschrieben, »das während es vielleicht eine unmittelbare Abstimmung der Gehirne aufeinander, mittels der noch geheimnisvollen Kräfte der Telepathie vorwegnimmt, uns alle schon jetzt in einer Art ätherischem Mitbewusstsein verbindet.«
Ich würde gerne noch zwei Quellen nennen, aus denen ich geschöpft habe. Ich habe eben Michael Gleich schon genannt, das ist in sofern ganz interessant, als es da eine Zusammenarbeit zwischen einem Wissenschaftsjournalist und einem Künstler, nämlich Jeffray Shaw gibt, die im ZKM auch präsentiert wird. Es gibt auch eine Webseite zur weiteren Information »www.web-of-life.de« , lohnt sich auf jeden Fall da mal rein zuschauen. Dann habe ich de Chardin, der insgesamt nicht ganz leicht zu lesen ist, er ist Theologe und unternimmt zum Teil enorme theologische Höhenflüge. Hier überwiegend zusammengefasst aus dem Chardin-Lesebuch entnommen, das ist ziemlich leicht zu verstehen und gerade das Konzept der Noosphäre ist dort sehr schön vermittelt. Ansonsten habe ich mich z.B. auch gestützt auf Douglas Hoffstädters auf seine Bücher »Gödel, Escher, Bach« und sein »Metamagicum« . Vielen Dank.

Diskussionsrunde:

Görnitz:
Eine Bemerkung möchte ich machen, sie haben vollkommen recht, dass das Netz nicht linear aufgebaut ist, aber das ist der fundamentale Unterschied zur Quantentheorie. Die Quantentheorie ist fundamental linear und das wird oft übersehen. Das ist also ganz wesentlich, sämtliche dieser wilden Quantenphänomene, die uns so verblüffen, beruhen darauf, dass das eine streng lineare Theorie ist. Eine Möglichkeit Quantentheorie zu verstehen ist, dass man sagt, die Quantentheorie wandelt praktisch die Nichtlinearität der klassischen Physik im Grundraum um, in eine Linearität im Rahmen der Funktion über der klassischen Mannigfaltigkeit. So kann man Quantisierung interpretieren. Doch wesentlich ist, Quantentheorie ist linear. Das wollte ich hier mit einflechten. Das ist also ein Punkt, den man sozusagen als Nichtphysiker meistens nicht weiß.

Plank:
Da haben sie mich im Grunde genau an dem Punkt korrigiert, den ich am Anfang vorausgeschickt habe. Ich denke, dass im Effekt natürlich in den lebenden Systemen, es sinnvoll sein kann, von diesem Punkt erst einmal abzusehen, weil wir ihn grundsätzlich nicht durchverfolgen können, auf Grund seiner Komplexität.

Görnitz:
Ja, dass ist richtig. Quantentheorie kann nicht universell genommen werden. Das ist dieses berühmte Non-Cloning-Theorem, das heißt Quanteninformation kann nicht dupliziert werden. Wenn wir reine Quantenwesen wären, wären wir perfekte Alzheimerpatienten. Wir müssten in dem Moment vergessen was wir gesagt haben, weil wir es gesagt haben. Ein normales Gespräch besteht darin, das man im Moment wenigstens noch weiß, was man gesagt hat. Das wird von der Quantentheorie verboten. Deshalb brauchen wir eine Schichtenstruktur, die quantisches und klassisches zugleich hat. Das Klassische ist das Nichtlineare. Die Quantentheorie, wie gesagt, ist streng linear.

Plank:
Darauf beruht eine der modernsten Anwendungen der Quantentheorie und eine der erhellensten,— nämlich dieses Codifizierungsverfahren, an dem gerade gearbeitet wird, dass man einen absolut unknackbaren Code erzeugt durch Quantenpaare.

Schöne:
Aber sind wir nicht das System, was lineare und nichtlineare Verläufe, quasi in sich vereint? Ist das nicht genau eine Beschreibung, die auch auf uns zutrifft?

Görnitz:
Wenn das jetzt eine Frage an mich war, muss man sagen: wenn wir physikalisch reden heißt das, wir versuchen die Welt zu beschreiben mit der Mathematik und den Termini, die uns zur Verfügung stehen. Wir können also einmal eine Beschreibung machen, die im Prinzip darauf hinausläuft, die Welt in Teile zu zerlegen und die Identität dieser Teile zu bewahren und dann deren Wechselwirkung zu sehen. Das ist das Bild der klassischen Physik. Also jeder sieht hier sind Stühle, sind Menschen, ein Beamer, eine Wand, wir brauchen eine Umwelt von Objekten.
Das ist das eine und das ist sehr gut, solange man nicht sehr genau arbeitet. Und das war ja auch heute morgen in der Diskussion deutlich geworden, die Biologie ist noch ein ganzes Stück weit weg von dieser Genauigkeit. Deshalb ist also das, was uns heute früh in diesen beiden Vorträgen erzählt worden ist etwas, was für die Physiker ziemlich auf der Hand liegt, aber für die Biologen vollkommen unverständlich ist. Das liegt einfach daran, die Biologie ist noch so ungenau,dass sie die Genauigkeit der Quantenphysik überhaupt noch nicht erreicht hat. Wenn man sehr genau wird, merkt man, dass die Zerlegung der Welt in Teile gut ist, aber kein ganz wahres Bild ist. Es gibt also sozusagen noch eine Wirklichkeit dahinter, wo das ganze mehr ist als die Summe der Teile. Und die Struktur, die dazu gehört, das ist die Quantenphysik. Aber das hat dann auch wieder Auswirkungen, wenn man also eine derartigen Struktur hat, dann führt das dazu, dass es dann keine Teile mehr gibt und das ist natürlich etwas, was unser Erkenntnisvermögen absolut übersteigt. Wir können eigentlich nur dadurch die Welt beschreiben, dass wir Teile isolieren und die untersuchen.

Das Spannende ist, ein Quantenobjekt bekommt man eigentlich nur dadurch, dass man die Allgemeingültigkeit der Quantentheorie durchbricht. Das man sozusagen im Rahmen der klassischen Physik einen Teil der Welt so gut isoliert, dass er dann weg ist vom Rest der Welt und dann kann dieses so isolierte seine Quanteneigenschaften zeigen. Aber dann können wir damit nicht kommunizieren, wir brauchen ja dann eine Kommunikation, das heißt, wir müssen es dann wieder durchbrechen. Und insofern denke ich schon, dass es ein gewisserweise ein Irrtum ist zu meinen, das sei gegen Plato.
Plato hat das schon sehr genau gewusst. Es gibt ein Zitat in diesem dicken Buch von Giovanni Reale, wo ich glaube, dass er die gesamte platonische Philosophie in einem Satz zusammengefasst hat. Da geht es darum: die Tübinger Schule war der Meinung, es gibt eigentlich hinter den geschriebenen Werken Platos noch etwas, was so weit weg von der Logik ist, dass Plato sich nicht getraut hat, das aufzuschreiben und das ist natürlich das fundamentale. Logik ist eine Eigenschaft unserer Kommunikation, sollte eine Eigenschaft unserer Wissenschaft sein, - ist aber eine Eigenschaft der Wirklichkeit. Und das sah Plato natürlich, dass oberhalb der Logik noch etwas fundamentaleres ist, die Arete, die eigentlich oberhalb der Ideen steht. Ideen genügen der Logik, aber das ist noch fundamentaler und das genügt natürlich der Logik nicht. Und dieser Satz, den dann Reale, der eigentlich diese Interpretation bekämpfen wollte und dann vom Saulus zum Paulus wurde, dieser Satz, den ich da gefunden habe heißt:
»Die Einheit«, es gibt also bei Plato diese zwei Grundprinzipien, es ist die Einheit »und die unbegrenzte Zweiheit.« Und das ist natürlich klar, das ist eine Aussage, die man nicht formalisieren kann, das widerspricht sich, entweder ist die Einheit, da gibt es überhaupt keine Zweiheit; oder die Zweiheit ist wahr, dann ist die Einheit eine Fiktion. Aber dieser Satz lautet, - und das ist glaube ich eine gute Zusammenfassung:

»Die Einheit hätte ohne die Zweiheit nicht die Wirkkraft etwas hervorzubringen, auch wenn sie der Zweiheit hierarchisch überlegen bleibt.« Plato

Die Quantenphysik ist eine henatische Theorie, die also auf die Einheit zielt. Sie ist schon fundamentaler als die klassische Physik, aber die Quantentheorie alleine erlaubt nichts hervorzubringen. Die ganze Welt als ein einziges Ganze ist hinter jeder Erkennbarkeit. Wir brauchen also die Zweiheit, sprich die klassische Physik, um etwas erkennen zu können. Insofern brauchen wir beides. Wir selber sind natürlich mehr als unsere wissenschaftlichen Beschreibungen. Aber soweit unsere Beschreibung reicht und die ist schon recht gut, brauchen
wir diese beiden Aspekte, die nicht in das Korsett der Logik zu zwängen sind.


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