Ich & Selbst




Individualität — Ökonomie des Sozialen
»Dann hörte sie auf, die grünen Stühle und den Lieferwagen anzustarren, und ging statt dessen ins Kino. Dort im Dunklen wurde ihre Erinnerung aufgefrischt, und sie verfiel in dieselben Träume wie früher. Neben der Idee der romantischen Liebe lernte sie eine andere kennen — die physische Schönheit. Wahrscheinlich die zerstörerischsten Ideen in der Geschichte des menschlichen Denkens. Beide sind aus Neid entsprungen, in Unsicherheit gediehen und in Desillusionierung geendet. Indem sie physische Schönheit gleich Tugend setzte, entblößte und fesselte sie ihren Geist und sammelte haufenweise Selbstverachtung. Sie vergaß Wollust und schlichtes Liebhaben, sie betrachtete die Liebe als besitzgierige Paarung und Romantik als Ziel des Geistes. Sie wurde für sie ein Brunnquell, als dem sie die verderblichsten Gefühle schöpfte, den Betrug an dem Liebenden und die Sucht, den Geliebten gefangen zu halten, kurzum: jederlei Beschneidung der Freiheit. Sie konnte nach ihrer Erziehung durch den Film nie mehr ein Gesicht ansehen, ohne es einer Kategorie in der Skala absoluter Schönheit zuzuordnen, […]. Es war im Grunde ein einfaches Vergnügen, aber sie lernte alles, was es zu lieben, und alles, was es zu hassen gab.« Toni Morrison, Sehr blaue Augen
Die viel gepriesene Individualität als Ausdruck des eigenen Ichs ist zum Kult geworden, als Ersatz für Werte, als Inbegriff der persönlichen Freiheit, als Synonym für Persönlichkeit und Charakter. Meist jedoch lediglich übernommene Klischees, die nach Moden zusammengesetzt dann eine Patchwork-Individualität ergeben, die durch Fernseh-Serien oder bestimmte In-Groupes, denen man sich zugehörig fühlen will, auf dem Laufenden gehalten werden. Up-to-date sein ist zur Selbstdarstellung besonders wichtig. Alle Eigenschaften, Dinge und Fähigkeiten hierzu unterliegen immer kürzer anhaltenden Moden.
Attraktivität ist das wichtigste Diktat der Individualität. Was attraktiv ist bzw. man dafür hält, ist ein Gemisch aus Äußerlichkeiten, Status, Geld und ein wenig Unterhaltungswert, den man zu bieten hat. Je nach Bedürfnis, welches der andere befriedigen soll, ist die Gewichtung sehr verschieden. Ist z.B. ein Ernährer und Vater gesucht, wird ein eher langweiliger Gutverdiener vorgezogen, um die Konkurrenz weniger fürchten zu müssen. Wird ein Liebhaber gesucht, ist Äußerlichkeit und Unterhaltungwert das wichtigste Auswahlkriterium.
Das Finden unserer engsten Beziehung, die zu unserem Partner, wird als Markt behandelt, der bekanntlich von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Man hat einen bestimmten Marktwert und will einen hohen Gegenwert. Der Markt ist zudem in Segmente eingeteilt. Wer vom Markt gemäß der Attraktivitätskriterien lediglich als ›Economy‹ eingestuft wird, hat keine Chance bei der Partnerwahl in der ›First-Class‹ zu sitzen.
Man braucht kein Marketing-Experte zu sein, um zu erkennen, dass der persönlichste und intimste Bereich, das Soziale, zunehmend der Ökonomie angepasst ist. Der Mensch ist zum Produkt geworden, wobei der Einzelne die modeabhängige ›Freiheit‹ hat, die Feinheiten seiner Marke (Individualität) im Rahmen seiner Möglichkeiten marktkonform zu gestalten. Zudem steigen zunehmend die Anforderungen an die Attraktivität und damit der Leistungsdruck — und die Angst, nicht zu bestehen, zu den Verlierern zu zählen, für die die Gesellschaft nur mitleidlose Verachtung und Almosen bietet. Silikon und Steroide sind Kassenschlager. Anfragen von 14 jährigen auf eine Brustvergrößerung sind keine Seltenheit mehr. In einer sinnentleerten Gesellschaft mit Menschen, die sich als Produkt verstehen, darf es nicht wundern, dass quasi alle Aktivitäten des Einzelnen darauf zielen, seine Attraktivität zu erhöhen, in welcher Form auch immer. Ganz normal in der Warenwelt.
Ich überzeichne? Sicherlich, doch weniger, als sich die meisten eingestehen würden. Hinzu kommt die Tatsache, dass ›Produktnachteile‹ nicht freiwillig genannt, aber die ›Produktvorteile‹ meist übertrieben werden. Der Leistungsdruck in einer sozialen Kultur der Selbstdarstellung nötigt den Einzelnen als Verkäufer seiner Selbst zu denselben Strategien zu greifen, wie der Warenmarkt.
Viele halten sich sogar für besonders clever, weil sie intelligent genug sind, um zu wissen, was der andere gern hören und sehen will — und sie selbst korrupt genug sind, dies zu bedienen. Selbstdarstellung ist also meistenteils nicht Darstellung seiner Selbst, sondern die Glaubhaftmachung von irgendetwas, was gerade angesagt ist.
Da dies zudem von Kontext zu Kontext unterschiedlich sein kann, wechselt man von Rolle zu Rolle und passt seine Außendarstellung hochflexibel seinem Gegenüber an, worüber meist vergessen wird, wer man denn wirklich ist. Wie sich der Körper wirklich anfühlt. Zumal man folglich nur Anerkennung für Eigenschaften erhalten kann, die gar nichts mit einem zu tun haben. Kleine ›Anpassungen‹, kleine Lügen, sich ein wenig ›besser‹ darstellen, eröffnen eine Entwicklung, aus dem man nicht zurück kann, werden zu gebastelten Geschichten, die sich ›gut‹ anhören, — und werden eingeübt und schließlich glaubt man sie selbst — welch überwiegend unbewusster Selbstbetrug, der dann mit allen Mitteln verteidigt wird.
Soweit so schlecht, doch das ist noch nicht einmal das eigentliche Problem des eitlen Spiels, des ach so individuellen Ichs, sondern nur das Symptom dieser Zeit.
Selbst
Die Identifikation mit dem Ich wurde besonders seit der Romantik immer selbstverständlicher, doch ist es an sich schon ein Trugschluss. Das Ich hat mit seinem Selbst, dem wahren Kern, nur entfernt zu tun. Inzwischen sind Neurobiologie, Psychologie und Spiritualität unabhängig voneinander zu diesem Schluss gekommen. Viele behaupten sogar, das Ich sei das Problem schlechthin, um zu sich zu gelangen. Das Finden des Selbst und das Unterscheiden des individuellen, egoistischen Ich vom Selbst ist Ausgangspunkt alter Weisheit. Das Selbst wird oft als ›wahres Sein‹ oder ›Bewusstsein als solches‹ betitelt, wobei betont wird, dass es wesensgleich mit dem wahren Wesen und Grund aller Materie sei (Ramesh S. Balsakar oder später fast wortgleich Ken Wilber). Ziel dieser Erkenntnis ist es, Beobachter, Zeuge seines Ichs zu werden, sich in ein absichtsloses Wahrnehmen einzuschwingen, um sein Selbst zu ergründen, zu erfahren.
Das von Freud genial erkannte Modell der Psyche vom Unbewussten, Vorbewussten und Bewusstsein konnte vor wenigen Jahren von der Neurobiologie bestätigt werden (siehe Kosmos Kopf). Besonders Prof. Roth, Direktor des Instituts für Gehirnforschung in Bremen, konnte nachweisen, dass 99% der Entscheidungen, Gefühle und des Denkens im Vorbewussten feststehen, bevor sie ins Bewusstsein gelangen — und dass das Bewusstsein lediglich im Nachhinein diese Entscheidungen erklärt, rationalisiert und nachvollzieht, obwohl das Ich der festen Überzeugung dabei ist, dass es diese Entscheidungen fällt.
»Bewusstsein ist ein energiefressender Ausnahmezustand«, so Roth. Die handlungsleitenden Erfahrungen, wie auch die Wahrnehmung, also alle entscheidungsrelevanten Informationen erhält das Vorbewusste aus dem Unbewussten, welches für mich daher auch das Selbst beinhaltet. Und wenn wir bewusst aus dem Unbewussten schöpfen, was seltenst geschieht, sind wir synchron, ganzheitlich (siehe Synchronizität).
Fest steht zumindest, dass abweichend von Freuds ursprünglichem Modell, das Unbewusste nicht nur Ort unserer Triebe ist, sondern vielmehr das Unbewusste auch rational, logisch und weise entscheidet, da es Zugang zu allen Informationen hat, meines Erachtens auch auf Informationsspeicher außerhalb des Gehirns zugreifen kann (Intuition). Aus diesen Gründen erscheint mir das nur im Bewusstsein befindliche Ich ein denkbar schlechter Ratgeber, zumal es in jeder Beziehung fremdgesteuert ist, was jedoch unbewusst bleibt. Das Ich ist ein plapperndes Ding, was den Geist verwirrt und überwiegend ein besserer Märchenerzähler ist, um Entscheidungen zu begründen, die es nicht versteht. Wenn man dann noch das sich daraus konstituierende Ich als Selbst (miss-) versteht, ist der Selbstbetrug perfekt.
Es ist daher schlüssig und naheliegend, sich als amüsierter Beobachter seines Ichs einzurichten, und daraus Rückschlüsse auf das Selbst abzuleiten — um schließlich ab und zu bewusst Zugang zum Selbst zu erhalten. Das Ich ist zudem keine Einheit, kann es nicht sein, es gibt Bündel des Ichs, die wandelbar sind, wie Laub im Wind, der zudem im Verborgenen weht, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.
»Erkannt und genau gewusst haben dies die alten Asiaten, und im buddhistischen Yoga ist eine genaue Technik dafür erfunden, den Wahn der Persönlichkeit zu entlarven. Lustig und vielfältig ist das Spiel der Menschheit: der Wahn, zu dessen Entlarvung Indien tausend Jahre lang sich so sehr angestrengt hat, ist derselbe, zu dessen Stützung und Stärkung der Okzident sich ebenso viele Mühe gegeben hat.« H. Hesse, 1927
Um auf meine Meer-Metapher vom quantischen Dualismus zurückzukommen: Wenn man Ich-fixiert ist, sich für das Ich hält, hat man die Sicht eines Wassertropfens, eines Teilchens, und folgt sklavisch diesem Ich-Teilchen von Wellenberg zu Wellental, wird überlaufen und im Sturm wird man arg hin- und hergerissen; es kann einem recht schlecht dabei werden. Man sollte die Welle als Ganzes sehen, was nur aus einem gewissen Abstand möglich ist — und wenn einem diese Beobachterposition vertraut ist, wird man sogar, ab und zu, das ganze Meer sehen (siehe Synchronizität).
Ein guter Zeuge bewertet nicht, er beobachtet. Das plappernde Ich bewertet unablässig. Was jedoch äußere Ereignisse letztlich bedeuten, können wir erst viel später erkennen, daher ist ein sofortiges Urteil ein Irrpfad zur Illusion, was auch für die beurteilende Instanz des Ichs selbst gilt.
Je weniger Urteile ich an Gefühle, Gedanken und Erfahrungen hefte, desto leichter ist es, mein Selbst wahrzunehmen, ja überhaupt die Gegenwart wahr-zu-nehmen. Das Selbst ist synchron mit der Welt, das Ich ist ein netter Geschichtenerzähler oder auch ein einziges Störgeräusch.
Man erhält nur Kontrolle über sein Leben, wenn du die vermeintliche Kontrolle aufgibst und Beobachter wirst.
Ein wunderbarer quantischer Dualismus!
Der ewig plappernde Verstand des Ichs baut die sehr persönliche Gefängniszelle aus Angst, Trennung, Unwissenheit und Bedürfnis, daher ist eine Identifikation mit diesem auswirkungsreich — und zu überwinden, trotz eingeübter kultureller Routine.
Uns fehlt das Bewusstsein der Qualität menschlichen Lebens, um die Selbstsucht und die daraus folgende Reduktion des Menschen als Ware und Konsument, die bedrückende Ausmaße angenommen hat, zu überwinden.
Der selbstsüchtige Mensch ist unfähig, andere zu lieben, noch ist er fähig, sich selbst zu lieben.
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ein Beitrag auf well…come 21
- Veröffentlicht:
- 1:03 PM / 1:03 PM
- Kategorie:
- Kultur
