Geschichte




Eine Geschichte der menschlichen Kultur zu entwerfen gilt als gewagt, wenn nicht gar unseriös. Gerne wird argumentiert, dass dies schlicht unmöglich sei, da jede Differenziertheit verloren ginge. Sicherlich macht man sich die Finger dabei im Zweifelsfall etwas schmutzig. Fest steht jedoch, dass die heutige Atomisierung der Forschungsfelder die Wissenschaften, Erkenntnisse und Informationen genau zu der Situation geführt hat, eine sinnstiftende Diskussion und jede Übersichtlichkeit, die zum Erkennen von Zusammenhängen benötigt wird, im Keim zu ersticken. Andererseits haben uns die wissenschaftlichen Durchbrüche des 20. Jahrhunderts gerade auf den Mehrwert, ja die Notwendigkeit von Zusammenhängen verwiesen. Besonders die Geisteswissenschaft neigt jedoch zur Verfeinerung, zum trauten Einrichten auf sinnfreien Wissensinseln — und deren Angst um die geltende Etikette hat sich mancherorts zur Hysterie ›verfeinert‹. Auch Intellektualität und Differenziertheit kann zum Selbstzweck erstarren, zur Selbstbefriedigung entarten. Um einen Vergleich zur Biologie zu wagen: Zellen, die nicht mehr im Zusammenhang stehen, die sich selbst genügen, nennt man Krebs. Was der Geisteswissenschaft in Form von ›Verfeinerung‹ anhaftet, ist in der Naturwissenschaft der ›Pragmatismus‹.
»Die Wissenschaft hat für sie nicht mit Wahrheit oder Sinn zu tun, sondern mit Vorhersage und Kontrolle: Sie ist ein Instrument. Hier wird aus dem wissenschaftlichen Hochmut des 19. Jahrhunderts der Zynismus des 20. Jahrhunderts. Wir haben Macht, und das genügt uns, auf wirkliche Erkenntnis können wir ganz verzichten.« A. Zajonc
Es ist daher Jean Gebser und Ervin Lazlo besonders hoch anzurechnen, dass beide es gewagt haben, eine Geschichte des Bewusstseins zu entwerfen. Gebsers ›Ursprung und Gegenwart‹ kam ca. 50 Jahre vor Lazlo‘s ›Holos‹ heraus, doch ist die Übereinstimmung frappierend, trotz unterschiedlicher Denkbewegungen.
In Stichworten die Evolution der Werte:
Archaische Struktur (nur Gebser)
Zeit der Ganzheitlichkeit, der Identität mir Ganzheit, Zustand vor dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies, also vorräumlich und vor der Zeit, Ursprung. Vor der Sprache und dem ersten Selbstbild. Ausdruck: Ahnen, ursprünglich. Weltaspekt: unbewusster Geist.
Magische Struktur (Gebser) bzw. Mythos (Lazlo)
Steinzeit
Naturbezogene Stammeswelt. Zeit der Magie, Götzen, Idol und Rituale. Ichlose Emotionalität. Instinkt und Gefühl. Eindimensional, vorperspektivisch, raumlos, zeitlos. Richtungslose, einheitliche Verflochtenheit. Ausdruck: Erlebnis, Emotion, Bitte (Gebet), einfühlen und Einsfühlen, vorrational, vorkausal.
Weltaspekt: Natur
Mythische Struktur (Gebser) bzw. Theos (Lazlo)
Sumerer, Ägypten, China, Indien, Maya
Elternwelt, Ahnenkult, vorwiegend unpatriarchalisch. Vergangenheitsbezogen, ichlos, psychisch. Zeit der Götter, Symbole, Mysterien und Wünsche. Zweidimensional, unperspektivisch, raumlos, naturzeithaft. Ordnung: Wie oben, so unten. Polarität. Erinnerndes Schauen, entäußerndes Sagen.
Ausdruck: Erfahrung, Imagination, Wunsch, einbilden und aussagen, irrational, unkausal.
Weltaspekt: Seele
Mentale Struktur bzw. Logos
Griechen bis heute
Individualwelt, Kindkult, vorwiegend patriarchalisch. Zukunftsgerichtet auf Zweck und Ziel hin. Ichhaft, materiell. Zeit des Gottes, Dogmen, Formeln, Methoden und der Willens. Dreidimensional, perspektivisch, raumhaft, abstrakt, zeithaft.
Ziel: Ordnung und Macht, Entfaltung menschlicher Möglichkeiten. Dualität als Gegensatz. Projizierendes Spekulieren. Perspektivisches Denken.
Ausdruck: Vorstellung, Abstraktion, Wille, vorstellen und nachdenken, rational, kausal. Cogito ergo sum — Ich zweifle, also bin ich.
Weltaspekt: Welt.
Integrale Struktur bzw. Holos + Erweiterungen des Projektes
Heute
Seit den Griechen ist der Mensch das Maß, so dass es heute um eine Evolution von Werten und Verhaltensweisen geht.
Menschheit. Gegenwärtig. Ichfrei, amateriell, apsychisch. Rationaler, freier Glauben. Offenes, geistiges Wahren.
Vierdimensional (mindestens, wohl 12), aperspektivisch, raumfrei, zeitfrei. Ziel: Entfaltung menschlicher Möglichkeiten. Quantischer Dualismus als aufgelöster Gegensatz, als Dreiheit bzw. Ganzheit. Integrierendes Wahren.
Ausdruck: Wahrung, Konkretion, wahrnehmen und durchblicken, arational, akausal, ganzheitlich, Leere. Glauben an Non-Linearität.
Weltaspekt: Bewusster Geist. Phänomene.
Über diesen Beitrag
Sie lesen gerade
“Geschichte,”
ein Beitrag auf well…come 21
- Veröffentlicht:
- 12:55 PM / 12:55 PM
- Kategorie:
- Kultur
