“Erkenntnisse durch Meditation” von Dr. Peter Malinowski

Fotos des Zusammentreffen I

Erkenntnisse über Realität und Bewusstsein durch Meditation
(Kurzskript)
In den letzten Jahren ist die Hirnforschung so weit fortgeschritten, dass namhafte Vertreter davon ausgehen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis eindeutig geklärt ist, wie das Gehirn Bewusstsein produziert (z.B. Greenfield, 2000). Andere Forscher sind in ihren Formulierungen etwas vorsichtiger und betonen, dass sie nicht die Ursachen von Bewusstsein selbst, sondern dessen neuronalen Korrelate untersuchen (z.B. Rees, Kreiman & Koch, 2002). Dabei trägt die letztere Ansicht der Tatsache Rechnung, dass Hirnzustände, die mit Bewusstseinszuständen einhergehen, nicht als Ursachen interpretiert werden können, da einer korrelativen Beziehung keine Kausalbeziehung zugrunde liegen muss. Diese Auffassung schafft insgesamt mehr Offenheit dafür, Bewusstsein wirklich zu verstehen, während der Raum der Möglichkeiten schon weit eingeschränkt ist, wenn die Sichtweise, dass Hirn Bewusstsein produziert, Grundlage jeder Betrachtung ist. Hier wird Bewusstsein von vornherein als Objekt der Forschung gesehen, dass unabhängig von dem Beobachter existiert.

Während jedoch in den empirischen Wissenschaften Bewusstsein als Forschungsobjekt erst vor kurzer Zeit (wieder-)entdeckt wurde, steht dessen Untersuchung im Buddhismus seit jeher im Fokus des Interesses, und wir können inzwischen auf mehr als 2500 Jahre intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema zurückblicken.
Grob gesagt, kann man innerhalb des Buddhismus zwei Zugangsweisen zu Realität und Bewusstsein unterscheiden. Einerseits gibt es den intellektuellen, philosophischen Zugang, bei dem basierend auf formaler Logik, die verschiedensten Erklärungsversuche und Sichtweisen untersucht (und widerlegt) werden (z.B. Dalai Lama, 1988, 1996; deCharms, 1998). Wichtig ist jedoch, das intellektuell Verstandene zu einer inneren Erfahrung und Gewissheit zu machen. Dies geschieht im Wesentlichen durch Meditation, dem zweiten und zentralen Zugang zum Verständnis von Realität|Bewusstsein (Nydahl, 1994). Die intellektuelle Beschäftigung dient dagegen der Vorbereitung oder Unterstützung der Meditation und liefert die richtige Sichtweise, um zielgerichtet mit dem Geist zu arbeiten. Anders als in der empirischen Wissenschaft wird Bewusstein nicht als unabhängiges Objekt gesehen, sondern als Bestandteil unserer Erfahrung, weshalb eine rein begriffliche Auseinandersetzung aus buddhistischer Sicht unzureichend ist: Die Natur bestimmter Erfahrungen ist letztendlich Erfahrung. In der Begriffswelt zu bleiben, wäre wie zu glauben, den Wind zu kennen, ohne ihn im eigenen Gesicht zu spüren (siehe z.B. Fontana, 1997).

Um diesen Zugang wirklich zu erfassen, ist es wichtig, sich die Zielsetzung des Buddhismus vor Augen zu führen: Die enorme Menge an Aussagen Buddhas und an Kommentaren späterer Meister dienen letztendlich alle dem persönlichen Wachstum, der Entwicklung und Veränderung. Erkenntnisse über Bewusstsein werden angestrebt, da sie das eigene Leben und besonders das eigene Erleben verändern.

Buddhistisch ausgedrückt, geht es darum, einen Zustand frei von Leid zu erreichen, der geprägt ist von unerschütterlicher Furchtlosigkeit, dauerhafter Freude und grenzenlosem, tatkräftigem Mitgefühl. Viele Meister der unterschiedlichsten buddhistischen Traditionen haben durch ihr eigenes Leben gezeigt, dass eine solche Veränderung möglich ist. Sie basiert jedoch darauf, dass nicht nur die konzeptuellen Vorstellungen über die Realität und über Bewusstsein verändert werden, sondern weitgehend unbekannte Erfahrungsbereiche erschlossen werden. Hier liegt der Hauptgrund, warum Meditation als unerlässliches Mittel auf diesem Weg angesehen wird. Hier liegt jedoch auch die Hauptschwierigkeit, wenn es darum geht, buddhistische Erkenntnisse und die der westlichen, empirischen Wissenschaften zusammenzubringen. Die unterschiedlichen Perspektiven, Methoden und Ziele machen es schwer, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Grundsätzlich lässt sich jede komplette buddhistische Meditation in zwei Hauptaspekte unterteilen: eine Phase des ruhigen Verweilens und eine zweite Phase der tiefen Einsicht. Wenn der Meditierende in der Lage ist, den Geist unabgelenkt in einem ausgeglichenen, ruhig verweilenden und gleichzeitig völlig klaren Zustand zu belassen, dann tritt das Erlebte mehr und mehr in den Hintergrund. Tiefe Einsicht entsteht, wenn der Geist nicht mehr in seinen Bildern gefangen ist, sondern sich selbst erlebt: Man ist bewusst, ohne sich einer Sache bewusst zu sein! Die gewohnheitsmäßige Trennung von Subjekt und Objekt ist überwunden. Dies ist der Zustand, in dem der Geist sich seiner selbst bewusst wird, jenseits von Begriffen und Vorstellungen; ein Zustand, der letztendlich völlig befreiend ist, weil er die Wahrnehmung von Realität grundlegend verändert. Wurden Erleber und Erlebtes — Subjekt und Objekt — bisher als verschieden und unabhängig voneinander erfahren, erkennt man nun, dass sie Teile einer Ganzheit sind. Jedes Erlebnis — ob äußerlich oder innerlich — geschieht im eigenen Geist, wird von ihm wahrgenommen und löst sich in ihm wieder auf (siehe z.B. Nydahl, 1998, S. 34 f.). Die daraus entstehende Erkenntnis lässt sich jedoch mit Begriffen nicht völlig beschreiben. Jede Benennung stellt eine Einschränkung der vollen Erfahrung dar. Daher drückten die großen Meditationsmeister diese tiefsten Einsichten häufig in Versen und Gedichten aus (für inspirierende Beispiele siehe z.B. Chökyi Nyima, 1992; Jamgön Kongtrul, 1989; Milarepa, 1996, 1997; Nalanda Translation Committee, 1980; Nydahl, 1998). Offensichtlich hilft hier die künstlerische Ausdrucksweise, begriffliche Einengungen zu überwinden!

Die beschriebene Erkenntnis verändert die Wahrnehmung von Wirklichkeit tief greifend. Statt sich mit den Erlebnissen zu identifizieren, gute Bilder zu erwarten und schlechte zu befürchten, erkennt man, dass der eigene Geist die unzerstörbare Grundlage aller Erlebnisse ist. Furchtlosigkeit, Freude und aktives Mitgefühl resultieren automatisch daraus. Es wäre wünschenswert, diese auf meditativer Erfahrung beruhenden Erkenntnisse mit wissenschaftlichen Vorstellungen über Realität in Einklang zu bringen. Vielleicht kann die buddhistische Perspektive einen Beitrag dazu leisten, dass die Einsichten der empirischen Wissenschaften in Beziehung zum eigenen Leben und Erleben gebracht werden.

Wird Albert Einstein mit folgender Aussage Recht bekommen?

»Die Religion der Zukunft wird eine kosmische Religion sein; eine Religion die auf Erfahrung aufgebaut ist, die Dogmatismus ablehnt. Wenn es eine Religion gibt, die sich mit wissenschaftlichen Bedürfnissen vertragen kann, so wäre das der Buddhismus.«
Einstein, 1954

Dr. Peter Malinowski (rechts)

Literatur
Chökyi Nyima, R. (1992).. Song of Karmapa. The aspiration of Mahamudra. Hong Kong: Rangjung Jeshe Publications.
Dalai Lama, T. G. (1988). Transcendent Wisdom. A commentary on the ninth chapter of Shantideva’s: Guide to the Bohisattva way of life. Ithaca, NY: Snow Lion.
Dalai Lama, T. G. (1996). Die Lehre des Buddha vom Abhängigen Entstehen. Hamburg:
Tibetisches Zentrum.
de Charms, C. (1998). Two views of mind. Abhidharma and brain science. Ithaca, NY: Snow Lion.
Einstein, A. (1954). The human side: New glimpses from his archives selected and edited by Helen Dukas and Banesh Hoffmann. Princeton, NJ: Princeton University Press.
Fontana, D. (1997). Authority in Buddhism and in western scientific psychology.
In J. Pickering (Ed.), The authority of experience. Essays on Buddhism and psychology
(pp. 31-47). Richmond, UK: Curzon.
Greenfield, S. (2000). Brain Story. Unlocking our inner world of emotions, memories,
ideas and desires.: BBC Consumer Publishing.
Jamgön Kongtrul, R. (1989). Wie die Mitte des wolkenlosen Himmels. Wien: Marpa Verlag.
Milarepa. (1996). Milarepas gesammelte Vajra-Lieder ( Vol.1). Berlin: Theseus.
Milarepa. (1997). Milarepas gesammelte Vajra-Lieder ( Vol.2). Berlin: Theseus.
Nalanda Translation Committee. (1980). The rain of wisdom. Boston: Shambala Publications.
Nydahl, O. (1994). Wie die Dinge sind. Eine zeitgemäße Einführung in die Lehre Buddhas. Sulzberg: Joy.
Nydahl, O. (1998). Das große Siegel. Die Mahamudra-Sichtweise des Diamantweg-Buddhismus. Sulzberg: Joy.
Rees, G., Kreiman, G., & Koch, C. (2002). Neural correlates of consciousness in
humans. Nature Reviews Neuroscience, 3(4), 261- 270.


Über diesen Beitrag