Wahrnehmung

Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess der Projektion.

Jeder hat seinen eigenen Realitätstunnel bzw. hat ein Realitäts­angebot übernommen. Wir sehen, was wir denken, was wir sehen sollten — und dies wird uns nicht bewusst.

Die genaue Untersuchung des Bewusstseins soll daher Ziel der ­näheren Untersuchung sein. In diesem Zusammenhang ist auch für uns er­fahrbar zu machen, dass wir in permanentem Zusammenhang ­stehen. Auch wenn dies mit der bitteren Pille einhergeht, dass die angebliche Individualität relativiert werden muss.
Wir können uns zwar beliebigen Konzepten zuwenden, doch wozu wir das tun ist uns unklar. Konstruierte Antworten lassen sich natürlich immer finden. In einem selbst-bezüglichen System sowieso sehr ­einfach. Individualisierung ist daher letztlich ein unbewusster Vorgang. Und wir müssen uns fragen, ob wir uns dabei von der eigenen Wirklichkeit abwenden.

Ein Neuron weiß nichts, nur die Beziehung gibt dem Einzelnen bestimmte Eigenschaften. Das Neuron ist eine Projektionsfläche für Beziehungen.

Jung war trotz seiner Erkenntnisse davon überzeugt, dass das beste Instrument des westlichen Geistes die Wissenschaft ist. Er hat daher auch auf wissenschaftlich unbestreitbare Weise festgestellt, dass das kollektiv Unbewusste im Menschen etwas Objektives ist, genau wie eine unsichtbare Mikrobe. Die Visionen, Träume und Bildwelt, mit denen es sich dem Bewussten des Menschen mitteilt, sind objektive Fakten, wie subjektiv sie auch erlebt werden mögen.

Die Störung setzt ein, sobald sich das Bewusstsein verhält, als ob es das Ganze des Menschen sei. Zudem kann dann der positive Aspekt des kollektiven Unbewussten, seine entscheidende Rolle bei Bewusstseinserweiterung im Menschen, nicht genutzt werden. Er sah eine Welt, die wegen des Verlustes einer ihres Sinns beraubten Seele immer kränker wird. Ohne Wiedergewinnung eines Gefühls persönlicher ›religiöser‹ Erfahrung durch das kollektive Unbewusste schien es nicht möglich zu sein, ein Gefühl der Sinnerfüllung wiederzugewinnen. Jung war sich sicher, dass ein Gottesmuster im Kollektiven eingelassen war, das im Leben nach Ausdruck sucht.

Die Alchemisten strebten danach, einen neuen Menschen zu schaffen, nach stärkerem Gewahrwerden der Wirklichkeit und nach Mehrung des Sinnes. In diesem Sinne ist Jung ein Alchemist und er forschte nach dem Stein der Weisen in den Weiten des Unbewusstseins.

»Bewusstheit ist nichts, wenn sie nicht auch ein Dialog zwischen mir selbst und einem Etwas ist, von dem man fühlt, dass es anders und größer als man selbst ist. Einen inneren Dialog gibt es zwischen dem, was man weiß, und dem, was man nicht weiß.« (dto., S. 102)


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