Vorwort von Prof. Birgit Hein

Als wir im Herbst 2001 einen Antrag für eine Tagung mit Wissenschaftlern aus dem Bereich der Quanten- und Biophysik, der Neurologie, Psychologie und Philosophie vorstellten, stießen wir zunächst auf Unverständnis: »Was haben Vertreter der harten Na­turwissenschaften an einer Kunsthochschule zu suchen?«
Die Darstellung der Wirklichkeit als Aufgabe der Kunst erschien eine notwendige, aber kaum noch einlösbare Forderung zu sein angesichts einer immer undurchschaubareren Wirklichkeit.
Um mit Paul Feyerabend zu sprechen »Wie findet der Künstler die Wirklichkeit, an der er sich angeblich orientiert?«
Seit dem Vertrauensverlust in die Abbildung der Realität als transparentes Fenster zur Welt gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben verschiedene Krisen die Kunst nicht nur in ihrer Abbildfunktion, sondern auch den künstlerischen Gestaltungsakt immer wieder in Frage gestellt.
Dabei werden Erkenntnisse der Wissenschaften von vielen Künstlern des 20. Jahrhunderts aufgenommen und in ihren Werken verarbeitet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts führt zudem die verstärkte Verbindung von Kunst und Technologie zu einer Ver­bindung von Kunst und Wissenschaft.
Das neue Weltbild, ausgehend von der Quantenphysik, ist dabei die größte Herausforderung. Denn hier führt die Frage nach der Wirklichkeit dazu, die Verlässlichkeit der eigenen Realitätswahrnehmung grundsätzlich in Frage zu stellen.
Martin Schöne, der sich intensiv mit dem quantischen Weltbild beschäftigte, entwickelte die Idee der Zusammentreffen zu Realität und Bewusstsein im 21. Jahrhundert, die die Kunst und die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft an der Kunsthochschule zusammenführen.
Die Tagung, die unter dem Titel ZUSAMMENTREFFEN: REALITÄT UND BEWUSSTSEIN vom 6. - 7. Juni 2002 an der HBK Braunschweig durchgeführt wurde, war ein voller Erfolg. Im Laufe des Jahres folgten weitere Zusammentreffen, die von Martin Schöne konzipiert und durchgeführt wurden. Dabei ging es auch um Forschungsbereiche wie die Trance Rituale von Nana Nauwald, die nicht zu den klassischen Wissenschaften gehören.
In der hier vorliegenden Publikation werden diese Ereignisse dokumentiert. Sie enthält eine Auswahl der Vorträge, die von den Wissenschaftlern bei der Tagung gehalten wurden, und Texte, die in der Folgezeit zu den Zusammentreffen II – VI entstanden sind. Dabei handelt es sich um einen Zwischenbericht des Projektes, das nun von Martin Schöne in einer Internet Plattform zur Realitätswahrnehmung und Darstellung zwischen Kunst und Wissenschaft und in einer filmischen Dokumentation weitergeführt wird. Ausgehend von dieser Auseinandersetzung stellt sich heute die Frage wieder neu, ob die Künstler als Experten für visuelle Information in der Lage sein werden, mit der Wissenschaft zusammen neue Erkenntnisse durch visuelle Erfahrung zu vermitteln. Künste und Wissenschaften werden durch das Wirklichkeitsproblem nicht getrennt, sondern einander näher gebracht. Beide haben den Drang, jenseits des herrschenden Konsenses Wahrheiten zu finden.
Prof. Birgit Hein


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