Ich als Konstrukt

»Das ›Ich‹ als Gehirnkonstrukt, als nachträglicher Bestätiger ­dessen, was das Unbewusste bereits beschlossen hat, dies mag unser Selbstverständnis zutiefst beleidigen. Wer möchte schon ein Konstrukt sein! […]
Dabei müssen wir aber berücksichtigen, dass das Unbewusste nicht etwa – wie Sigmund Freud meinte – ein Sumpf von dumpfen, gefähr­lichen Trieben und Wünschen ist, von denen man sich mit­ Hilfe der Vernunft befreien muss. Vielmehr ist es der Aufbewah­rungs­ort all unserer Erfahrungen, und zwar von solchen, die sehr früh gesammelt wurden und niemals bewusst waren (weil es das Bewusste noch nicht gab), und solchen, die für kurze Zeit unser Bewusstsein anfüllten und dann ins Unbewusste absanken.
Hier ist das Wissen darüber gespeichert, was zu Lust und Erfolg ­führte und wiederholt werden kann, und ebenso das, was schäd­lich, ­schmerzhaft oder erfolglos war und besser gemieden werden sollte. Das Unbewusste ist im limbischen System verortet und gibt den ­Rahmen vor, in dem Bewusstsein kreativ sein kann. Es sorgt (zumindestens meist) dafür, dass diese Geschehnisse auf der Grund­lage vergangener Erfahrung ablaufen. Das ist schließlich das Ver­nünftigste, was ein ­Lebewesen tun kann.« Gerhard Roth (2000) [1]
Durch die Wechselwirkung mit der Umwelt wird sich unser Bewusstsein seiner selbst bewusst, doch das heißt heute: bewusst werden über das Unbewusst-Sein, was nicht, wie wir annehmen, unlogisch, unberechenbar, tierisch ist, sondern der Sammel- und Einfallspunkt für alle Informationskanäle. Es ist vielmehr Ausdruck dessen, was den Menschen zum Menschen macht: die Mischung aus Geist, Gefühl, Intuition, Kreativität und Bewegung.

Gerade deshalb hat der immer gern zitierte Francis Crick nicht Recht, wenn er auf das Mechanische reduzierend zusammenfassen darf: »Deine Freuden und Leiden, deine Erinnerung und Zukunftswünsche, deine Gefühle von persönlicher Identität und freiem Willen sind in Wirklichkeit nichts weiter als das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und den dazu gehörenden Molekülen.« [2]

Diese Sicht täuscht darüber hinweg, dass es nicht die Baustei­ne sind, wohl noch nicht mal das Sichtbare an sich, die faszinie­ren, sondern die Komplexität der Organisation, die diese un­glaub­­lich anpassungsfähige menschliche Intelligenz hervor­­bringt. Selbstorganisation und Synchronizität sind viel mehr als die Ansammlung von Molekülen. Es darf daher auch nicht verwundern, dass Cricks DNA-Modell wenig zeigen kann, nur ein Foto eines Prozesses darstellt. Das eigentlich Unglaubliche bleibt dabei verborgen: die 100.000 Prozesse der DNA pro Sekunde bei einer Zellteilung, die in einer ganz bestimmten Reihenfolge ablaufen müssen. Aus schnöden vier Basen ensteht ein hochkomplexer rasender Prozess, dessen Zuverlässigkeit weit entfernt ist von jeder linearen Erklärung oder mechanischer ­Reproduzierbarkeit — es fehlen selbst die Mittel der Darstellbarkeit, so komplex, so ­millisekundengenau, so orginär ist der Vorgang. [3]
Olaf Breidbach hinterfragt zu Recht, ob nicht die Einteilung des Gehirns, die mechanistische Materialisierung in Zonen, die Neurowissenschaften in ihrer Entwicklung ›ausgebootet‹ haben. Was zu ergänzen wäre, denn die unvermeidliche Anerkennung eines anderen, quantischen Organisationsmodells ist nur der Beginn weitergehender Fragen. Wir sind viel komplexer als wir denken können, angefangen von der klassischen Logik. Die parallele, nicht-lineare Verarbeitung, die sich im Gehirn heute abzeichnet, unterstreicht dies. Ich zitiere Wolf Singer:

»Es erscheint uns, als müsse es in unserem Gehirn einen Ort geben, an dem die Signale aus unseren verschiedenen Sinnes­systemen zu­sammengeführt und einer einheitlichen Inter­pretation unterworfen werden, der Ort, an dem sich Empfindungen und bewusste Wahrneh­mungsinhalte konstituieren. Dieser Vorstellung widersprechen neu­ere Erkenntnisse über die funktionelle Organisation unseres Gehirns.«

Es wird deutlich, dass die Funktionsabläufe in unserem Gehirn in hohem Maße parallelisiert sind. Eine der großen Herausforderungen an die moderne Hirnforschung ergibt sich aus der Frage, auf welche Weise diese parallel ablaufenden Verarbeitungsprozesse im Gehirn miteinander verbunden werden, so dass kohären­te Interpretationen der Welt und zielgerichtete Entscheidungen­ möglich werden. Das Internet ist die erste technische Über­tragung dieser parallelen Verarbeitung und gerade daher allen an­deren Modellen so überlegen.

»Leitet uns die Frage nach den Möglichkeiten des Assoziativen dann wieder zurück in eine Art von idealistischem, immateriellem Ansatz zu einer Betrachtung von Natur. …
Ist damit die Materialisierung des Geistes letztlich in einer kuri­osen Weise in eine Entmaterialisierung geführt? Ist Geist demnach nun nicht mehr das, was sich im Hirn findet? Ist nicht vielmehr um­gekehrt, ganz im Sinne von Leibniz, im Hirn nur etwas von dem zu finden, was Geist macht. Das hätte massive philosophische Konse­quenzen.«

Olaf Breidbach [4]

Zum Beispiel ist aufzuräumen mit der Atomisierung von Ganzheiten. Dies ist zum Verständnis von Komplexität gänzlich ungeeignet. Auch unsere Intelligenz ist sehr wohl eine Entität, obgleich sie aus ­vielen Einzelinformationen bestehen mag — doch sie ist keine Summe dieser, sogar mehr als die Summe hoch dieser Summe, da feine ­Steuermechanismen eine komplexe Informationsverarbeitung und ­Erzeugung leisten.

[1] S. 127, aus Kern, Reihe 7 Hügel, Berliner Festspiele, Henschel Verlag, Berlin, 2000.
[2] dito, S. 123.
[3] In Hannover wird nun dank neuer Schwerpunktförderung die lichtstärkste Kamera der Welt gebaut. Tausendmal heller als der stärkste Laser, aber kalt genug, um damit dem Leben nahe zu kommen. In einigen Jahren wird man also die atomare Ebene der DNA dabei filmen, wenn diese Prozesse ablaufen. Und dann wird man sehen, dass das bisherige, recht orginelle DNA-Bastel-Modell ein Verständnis des Lebens erschwert und wirklich rein gar nichts erklären kann.
[4] S. 121, aus Kern, Reihe 7 Hügel, Berliner Festspiele, Henschel Verlag, Berlin, 2000.


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